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Interview mit Richard J. Lind,
Immigrationsanwalt
FL Sun: Herr Lind, in
den letzten Monaten hat sich in Sachen Visa und Immigration sehr viel
getan. Was sehen Sie als die weitreichendste Änderung?
R. J. Lind: Die wichtigste Änderung ist wohl, dass es die INS
seit dem 1. März 2003 nicht mehr gibt. Die INS wurde aufgeteilt in
verschiedene Abteilungen mit total unterschiedlichen Funktionen. Diese
sind jetzt der Homeland Security unterstellt.
Seit Anfang 2003 wurden auch zwei neue Regelungen erlassen: Zum einen
das Null-Toleranz-Memorandum, zum anderen die elektronische
Datenerfassung der INS.
FL Sun: Was bedeutet das für Einreisende an der Grenze?
R. J. Lind: Bis jetzt hatte der Immigrationsbeamte an der
Grenze keine systematisch erfassten Daten über einen Einreisenden.
Doch von nun ab arbeitet Homeland Security (INS) eng mit den
Fluglinien, den Visa ausstellenden Konsulaten und den Beamten an der
Grenze zusammen. Durch deren Datenaustausch wird ein elektronischer
Fingerabdruck für jeden Reisenden kreiert.
Die Fluglinien müssen nun alle Daten der Passagiere an Homeland
Security weitergeben, unter anderem Geburtsdatum, Wohn- und
Aufenthaltsort(e). Alle Daten, und ich meine wirklich alle Daten,
werden ab jetzt elektronisch erfasst. Homeland Security und auch der
Beamte an der Grenze werden also im Besitz aller Informationen sein -
selbst die Ein- und Ausreisedaten. Damit kann der Immigrationsbeamte
das Verhaltensmuster jedes Reisenden genau erkennen.
FL Sun: Das heißt konkret?
R. J. Lind: Vor der neuen Regelung konnte der
Immigrationsbeamte nicht nachprüfen, wie oft die Person eingereist
oder wann diese ausgereist war, da die INS solche Daten kaum erfasste.
Es war sehr selten, dass die Einreise- und Ausreisedaten bei der INS
vermerkt waren. Es wurden oft keine Stempel in Pässe gegeben und
Fluglinien leiteten öfters die I-94-Karten, die von jedem Ausreisenden
eingesammelt werden mussten, nicht weiter. Die INS hatte außerdem nur
beschränkt Personal, Daten zu speichern. Es gab also ein manuelles
Eingabesystem, das zum Glück vieler USA-Reisenden nicht funktionierte.
Doch nun wird das im Konsulat ausgefüllte Formular elektronisch zu
Homeland Security gesendet, das Visum wird in den Pass gescannt und
der Immigrationsbeamte liest dann elektronisch den Visum-Scan mit
allen Informationen, die je über die Person angesammelt wurden.
Wenn der Beamte jetzt den Einreisenden fragt, ob sich dieser jemals
länger in den USA als erlaubt aufgehalten hat, kann dieser nun seine
Daten mit den Aussagen des vor ihm stehenden Einreisenden vergleichen.
Falls diese nicht übereinstimmen, könnte das den Ausschluss aus den
USA für immer bedeuten.
FL Sun: Was hat es mit dem Null-Toleranz-Memorandum auf sich?
R. J. Lind: Seit dem 1.1.2003 sind die Beamten an der Grenze
angehalten, alle Daten der Einreisenden sorgfältiger zu prüfen. Das
Null-Toleranz-Memorandum ist also eine Art Negativ-Gesetz: Im
Zweifelsfalle wird von nun ab immer gegen den Reisenden entschieden.
Erschwerend kommt hinzu, dass ab jetzt die Beamten von Homeland
Security auch kontrolliert werden – was früher nicht der Fall war.
Jeder Beamte hinterlässt also selbst eine elektronische Spur mit jedem
Einreisenden, den er abfertigt. Da ja der Beamte seinen Job behalten
will, kann er eine auffällige Vorgehensweise von Einreisenden nicht
mehr aus Gutmütigkeit übersehen.
FL Sun: Was bedeutet das für Europäer, die sich über mehrere
Monate in den USA aufhalten und nach Ablauf des Visum erneut über
Mexiko oder Kanada einreisen?
R. J. Lind: Die haben nun schlechte Karten. Es war schon immer
so, dass eine erneute Einreise innerhalb von 72 Stunden (3 Tage) nie
als neue Einreise galt. Doch bei einer Einreise nach drei Tagen
erhielt man ein neues Visum. Jetzt jedoch kann der Beamte erkennen,
dass der Einreisende sich schon sechs Monate in den USA aufhielt und
vielleicht sogar sechs Monate vorher... Damit weiß der Beamte, dass
der Einreisende praktisch versucht, in den USA zu leben und muss von
dem Schlimmsten ausgehen, nämlich illegaler Beschäftigung.
FL Sun: Was passiert, wenn man länger als es das Visum erlaubt
in den USA bleibt?
R. J. Lind: Jetzt kann das Gesetz hart durchgesetzt werden.
Schon wenn man einen Tag zu lange in den USA war, kann es passieren,
dass man beim nächsten mal nicht oder nie mehr in die USA gelassen
wird.
Wenn vorher eine Person einen Tag länger in den USA blieb und dann zum
Konsularbeamten sagte, sorry, ich war krank, dann hatte der Beamte in
den meisten Fällen ein Auge zugedrückt und ein neues Visum
ausgestellt. Doch jetzt muss der Konsularbeamte die Information an
Homeland Security übergeben und Homeland Security sieht nicht die
Person vor sich sitzen, sondern nur eine weitere Bearbeitungsnummer.
Visa sind nicht schwieriger zu erhalten. Doch vorher konnte man durch
das System schlüpfen - jetzt wurde die Flasche zugestöpselt...
FL Sun: Was raten Sie unseren Lesern?
R. J. Lind: Jetzt ist es ratsamer, ein sechs Monate-Visum zu
beantragen, solange es bei dessen Dauer keine Änderung gibt. Wer nur
bis zu drei Monate bleiben will, kann weiterhin ohne Visum einreisen.
In Florida lebende Personen mit persönlichem Einkommen (z. B. Rentner)
sollten ein E-Visum oder wenn möglich L-Visum beantragen, da ihre Ein-
und Ausreisen jetzt strenger kontrolliert werden.
Positiv ist, dass Homeland Security nicht in der Vergangenheit kramt.
Was immer man also vor den neuen Regelungen angestellt hat, wird nicht
negativ bewertet. Es heißt einfach, ab jetzt die Regeln einzuhalten.
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Richard J. Lind ist
ein Immigrationsanwalt mit Büros in Miami und Ft. Lauderdale. Er
ist für Fragen unter Tel. (305) 858-9191 oder
rjlind@lind.com zu
erreichen. |
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