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Interview mit
dem Medizinmann
Buffalo Tiger
Buffalo Tiger ist einer der
Menschen, die ihr Gegenüber ohne viele Worte faszinieren. Schaut man
ihm in die wachen,
charismatischen Augen, meint man, in ihnen die Geschichte des
Miccosukee-Stammes der letzten Jahrhunderte zu sehen. Eine
Unterhaltung mit Buffalo Tiger wird man wohl sein Leben lang nicht
vergessen. Der heute über 80-jährige Medizinmann mit dem weißen Haar,
der Jahrzehnte lang seinem Stamm als Häuptling gedient hat, lebt heute
in einem Haus in Miami
und betreibt ein kleines Airboat-Unternehmen für Touristen am
Tamiami Trail. Seine Kindheit verbrachte Buffalo Tiger inmitten der
Everglades. Vor vielen Jahrzehnten hat er seinen Stamm schließlich aus
den Sümpfen heraus in die Zivilisation geführt und ihn somit in die
amerikanische Gesellschaft integriert.
Neben den Seminolen sind die Miccosukees der einzige
Indianerstamm, der niemals von der amerikanischen Regierung besiegt
wurde.
FL Sun: Mr. Tiger, wie erlebten Sie Ihre Kindheit im Stamm der
Miccosukees?
Tiger: Ich habe vieles vergessen... Ich weiß aber, dass ich
meine Kindheit in den Sümpfen genossen hatte – abgeschottet von der
Außenwelt. Alles, was ich zum Glücklichsein brauchte, war, zu wissen:
“Ich bin ein Miccosukee-Junge!” Wir waren eine sehr enge Familie. Ich
weiß noch, dass ich täglich dazu lernte, wie wir für unsere
Grundnahrungsmittel sorgen mussten. Die älteren Familien- und
Stammesmitglieder nahmen mich mit und zeigten mir, zu welcher
Tageszeit, bei welcher Wassertiefe und -temperatur Fische,
Schildkröten und andere Tiere am besten zu fangen waren.
FL Sun: Gab es Kontakte zwischen den Miccosukees und den
Weißen?
Tiger: Ich erinnere mich, dass mein Vater von Zeit zu Zeit in
die Stadt ging, um Nägel oder ähnliches zu besorgen. Bei uns im Stamm
hatten wir nicht einmal Messer oder Äxte, wir bearbeiteten Nahrung
so-wie Kleidung mit Steinwerkzeugen. Ich selbst habe zum ersten Mal
mit einem weißen Jungen gesprochen, als ich 14 Jahre alt war. Vorher
hatten meine Freunde und ich höchstens im Schilfgras gelegen und die
Stadtkinder heimlich beobachtet ohne jemals entdeckt zu werden.
FL Sun: Warum sind Sie Häuptling des
Miccosukee-Stammes geworden?
Tiger: Das Wort “Häuptling” benutzen wir Miccosukees nicht. Ich
war 35 Jahre lang die “Spokesperson” des Stammes, also eine Art
Sprecher. 1952 hatten einige ältere Medizinmänner mich ausgewählt und
gefragt, ob ich das Amt übernehmen würde. Einer der Gründe war, dass
ich die weißen Männer verstand - nicht nur die Denkweise betreffend,
auch die Sprache, was damals noch selten war. So fungierte ich als
eine Art Mittler zwischen unserer Gemeinschaft und dem weißen Mann,
und führte den Stamm aus den Sümpfen heraus.
FL Sun: Um in den 60er Jahren von der US-Regierung als
souveräne Nation anerkannt zu werden, griffen Sie zu einem Trick mit
Fidel Castro...
Tiger: Sie müssen verstehen, dass unser Lebensraum durch die
wachsende Infrastruktur eingeschränkt wurde, die moderne Welt bahnte
sich ihren Weg in die Lebensart der jüngeren Stammesmitglieder. So
sahen wir den Zeitpunkt gekommen, uns rechtlich anerkennen zu lassen,
um Finanzmittel und mehr Rechte zu erlangen. Doch die US-Regierung
machte uns einen Strich durch die Rechnung und antwortete: “Nur bei
einem Zusammenschluss mit den Seminolen.” Unser nächster Schachzug war
ein Treffen mit Fidel Castro in Kuba 1959, dem wir unser Anliegen
vortrugen. Er erkannte die Miccosukees als souveränen Indianerstamm
an. Diese Schmach gegenüber dem Weißen Haus wiederum veranlasste
Präsident Kennedy drei Jahre darauf, mit Castro gleichzuziehen und uns
zwei finanzielle Programme zuzugestehen, die uns am wichtigsten waren:
Förderung des Gesundheits- und Erziehungswesens. Mit diesem Trick
haben wir schließlich unsere Anerkennung durchgesetzt.
FL Sun: Wie steht es heute um die finanzielle Situation des
Stammes?
Tiger: Wissen Sie, früher hatte der Stamm kein Geld – und wir
brauchten es auch nicht. Um Zufriedenheit zu erreichen und überleben
zu können, benötigten wir lediglich folgendes: Eine Familie, die es zu
versorgen galt, das Wissen, wo und wie Nahrung zu beschaffen war, und
jemanden, der diese zubereitete. Allein der Gedanke, für die Familie
da zu sein, bedeutete Glück für uns. Sogar unsere Kleidung war
zunächst nicht farbenfroh und mit Schmuck bestückt, wie sie es heute
ist. Wir nähten uns Kleider und Schuhe aus Wildleder zusammen.
Heute finanzieren wir unsere Gemeinschaft fast ausschließlich selbst
durch unser großes Casino mit Hotel, das von vielen Touristen, aber
auch von Einheimischen besucht wird, außerdem durch Kunsthandwerk,
unser Museum, Alligatorendressur, Bootstouren durch die Everglades und
andere kulturelle sowie naturbezogene Veranstaltungen. Wir betreiben
auch unser eigenes Polizeipräsidium, eine Schule und ein Krankenhaus.
Trotzdem sind wir auf Wiedergutmachungsgelder des “Bureau of Indian
Affairs” angewiesen. Kurz: Heute haben wir zwar Geld und sind Teil des
amerikanischen gesellschaftlichen Kreislaufs geworden, aber durch
dieses Geld büßen wir viele unserer alten Werte und Traditionen ein.
Zum Beispiel sind viele Stammesmitglieder nicht mehr bereit,
aufwändiges Kunsthandwerk herzustellen, weil sie jetzt finanziell
unabhängig sind.
FL Sun: Wie sehen Sie die Entwicklung der Miccosukees in der
Zukunft?
Tiger: Viele Dinge laufen gut für uns, andere wiederum nicht:
Die Schnelllebigkeit der Gesellschaft ist einfach nicht vereinbar mit
dem, was unser Stamm und die indianischen Kulturen generell
verkörpern. Das fast food, das natürlich auch unsere Stammesmitglieder
tagein, tagaus essen, ist im wahrsten Sinne des Wortes zu schnell für
uns. Unsere Organismen brauchen noch immer die Nahrung direkt aus der
Natur. Trotzdem denke ich, dass wir uns vom wirtschaftlichen
Standpunkt gut an die Gesellschaft um uns herum angepasst haben, ohne
unsere Unabhängigkeit zu verlieren. Ich würde lieber sterben als von
den Gewässern Südfloridas, vom “River of Grass” wegzuziehen – der
Region, in der ich einst gelernt habe, auch ohne das Geld des weißen
Mannes zu leben und zu überleben.
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Medizinmann, Ex-Häuptling und Geschäftsmann Buffalo Tiger
Teil eines Miccosukee-Clans in den 20er Jahren mit Buffalo Tiger
als Kind (4.v.r., vordere Reihe)
Buffalo Tiger heute
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