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Jedes Jahr im Frühling beschwören Wissenschaftler und selbsternannte
Experten, dass Florida eine der schlimmsten Hurrikansaisons aller
Zeiten bevorsteht. Zum Glück behalten sie meist Unrecht. Schutzlos
ausgeliefert ist man den Mega-Stürmen vom Atlantik ohnehin nicht.
Gabrielle war eine jener Damen, mit denen nicht zu spaßen ist. Zu
unserem Rendezvous am 14. September 2001 kündigte sich die stürmische
Lady mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 km/h an. Das National
Hurricane Center in Miami – bunkerartig abgeschottet hinter
meterdicken Wänden – warnte vor starkem Wind, sintflutartigen
Regenfällen und großflächigen Überschwemmungen.
Es schüttete wie aus Eimern, als ich an diesem Abend in einer
gigantischen Pfütze vor einer Ampel mitten in Naples stecken blieb. Im
Radio berichtete jemand mit aufgeregter Stimme von schweren
Sturmschäden auf Kuba. Einheimische und Touristen auf den Keys wurden
aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Wegen des befürchteten
Verkehrschaos sollte die Evakuierung in Phasen anlaufen. „Wer am
Weitesten entfernt ist, fährt als erster“, ordnete eine
Behördensprecherin an.
Bloß keine Panik, dachte ich, hatte doch der Tropische Sturm Barry
erst im August eine Vollbremsung vor Floridas Westküste hingelegt, ehe
er nach Norden abbog, so als wollte er sagen: „Nur ein Scherz!“.
Überhaupt: Die Statistik war auf meiner Seite. Generell scheint der
Küstenabschnitt von Tampa bis Naples weniger Sturmaktivität zu
verzeichnen.
Oder war diesmal doch alles anders? Am nächsten Morgen schien der
Regen gleich Kübelweise vom Himmel zu stürzen. Gabrielle war laut
Fernsehnachrichten nur 30 Kilometer südlich von Key West. Und
tatsächlich verschlimmerte sich das Wetter mit jeder Stunde. Der Wind
stürmte, Platzregen ohne Pause und die Strasse vor meinem Haus
verwandelte sich in einen Sturzbach. In großer Eile verbarrikadierten
manche meiner Nachbarn ihre Häuser, schlossen die Hurrikan-Shutter –
und hatten sich im Supermarkt längst mit Notvorräten eingedeckt.
Draußen ließ der Wind nun vereinzelt Äste von den Bäumen krachen.
Einige Palmen lagen umgeknickt über der Strasse und blockierten den
Verkehr. Aus Minuten wurden Stunden und irgendwann wurde es wieder
ruhig da draußen.
Am nächsten Morgen schien es, als wolle die Natur ihre vergrätzte
Laune vom Vortag wieder gutmachen – blauer Himmel, strahlender
Sonnenschein. In der Nacht war Gabrielle über die Halbinsel auf den
Atlantik rausgefegt. In den offiziellen Statistiken konnten wir später
lesen, dass an der Westküste stellenweise bis zu 300 Liter Regen pro
Quadratmeter gefallen waren.
Gabrielle war eine kurze, wenn auch heftige Affäre. Doch sah so das
Ende der Welt aus, wie mir Berichte über Hurrikans in Florida immer
weismachen wollten? Ein stürmisches Inferno, wie ein Fernsehjournalist
in gelber Öljacke im vergangenen Jahr so überzeugend ins Mikro
gebrüllt hatte? Sicher, zum Baden gegangen wäre ich im Auge des
Hurrikans wohl auch nicht. Aber eine Apokalypse konnte ich bei meiner
Hurrikan-Taufe nicht ausmachen. Vielleicht habe ich auch nur das
Glück, in einem stabilen Steinhaus zu wohnen und nicht in einem jener
Häuser ohne Fundament, die noch in den 80er Jahren entgegen allen
Bauvorschriften an die Küste geklatscht wurden – gleich neben die
„Mobile Homes“ aus Aluminium.
Ihre zerstörerische Kraft schöpfen Hurrikane aus dem Meer. Sobald sich
der Atlantische Ozean vor Westafrika auf mehr als 27 Grad erwärmt,
verdampft das Wasser, steigt in die Höhe und kondensiert dort zu Regen
und Wolken. Die Erdrotation bringt die Wolken zum Drehen. Es bildet
sich eine Art Strudel, der immer neue feuchtwarme Luft spiralförmig
nach oben saugt. Wie ein gigantischer Staubsauger entzieht der
Hurrikan dem Meer täglich bis zu zwei Millionen Tonnen Wasserdampf.
Aber: Wissenschaftler können den Weg der Wirbelstürme heute bis auf
wenige Kilometer genau vorhersagen. Meine Freunde in San Francisco
würden wohl viel dafür geben, wenn ihre Seismologen bei der Prognose
von Erdbeben so treffsicher wären.
Warum also die ganze Panik? Wahrscheinlich ist Andrew Schuld. Im Jahr
1992 wütete der Monstersturm südlich von Miami. Die Schäden wurden
damals auf 20 Milliarden Dollar geschätzt. Und die Fernsehbilder von
obdachlos gewordenen Menschen hat heute noch jeder vor Augen. Aber
selbst Andrew hat gezeigt, wie relativ schmal die Schneise der
Zerstörung eines Hurrikans ist. Nach außen hin schwächen sich die
Kräfte eines Wirbelsturms nämlich rapide ab – die Umgebung wird
lediglich zwei Tage lang mit furchtbar schlechtem Wetter bestraft.
Andrew richtete deswegen so viel Schaden an, weil er sich zum Landgang
eine besonders anfällige Region aussuchte. Einkaufspassagen,
Altencamps und Siedlungen in billiger Fertigbauweise standen in seinem
Weg.
Für die Medien sind Hurrikans immer ein gefundenes Fressen. Nähert
sich ein Tiefdrucksystem, machen sich entlang der Küste Dutzende
Kamerateams auf die Jagd nach den aufregendsten Bildern. Da kann nach
einigen Tagen schon ein kräftiger Wolkenbruch ausreichen, ein wenig
Hurrikan-Panik zu verbreiten. Auch die jährlichen Auftritte der
Experten haben es in sich. Jahr für Jahr orakeln die Meteorologen,
dass diesmal mit einer besonders schlimmen Hurrikan-Saison mit mehr
als zehn Stürmen zu rechnen sei. Niemand will sich später vorwerfen
lassen, er hätte nicht rechtzeitig gewarnt. Recht hatten die
Schwarzseher in den vergangenen Jahren freilich nie.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Zu spaßen ist mit Hurrikans in
Florida nicht. Panik ist aber ebenso wenig angebracht. Anders als bei
Erdbeben ist man vorgewarnt und kann Vorsorge treffen (detaillierte
Broschüren hält jede örtliche Behörde für Einheimische und Besucher
bereit). Außerdem ist Florida – rein statistisch gesehen – nicht
einmal besonders hurrikan-anfällig. Die dicht vor der Küste liegenden
Bahamas scheinen die meisten Orkane Richtung Norden abzulenken. Die
Chance, dass man ausgerechnet an seinem Wohn- oder Urlaubsort in
Florida getroffen wird, ist also eher gering. Auch ich werde es wohl
überstehen, wenn ab 1. Juni – dem offiziellen Beginn der diesjährigen
Hurrikan-Saison – Erika, Isabel, Kate, Larry oder Mindy vom Atlantik
her anrollen. So wie ich auch vor zwei Jahren Gabrielle überstanden
habe – mit nassen Füßen, zugegebenermaßen.
Die Intensität der Hurrikane wird an Hand der „Saffir-Simpson Scale“
in Kategorien von 1-5 gemessen, entsprechend der Windgeschwindigkeit.
Kategorie Windgeschwindigkeit Flutwelle Zerstörung
1 74- 95 mph 4-5 feet* minimal
2 96-110 mph 6-8 feet leichtere Schäden
3 11-130 mph 9-12 feet weitreichende Zerstörungen
4 131-155 mph 13-18 feet extreme Zerstörungen
5 über 155 mph über 18 feet katastrophal
(* 5 feet = 1,52 Meter, 10 Feet = 3 Meter, 18 feet = 5,49 Meter)
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