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Bei den Indianern der Sümpfe

                        Von Daniela Boettcher

Das Airboat startet gemächlich und düst dann mit steigender, aber immer noch sanfter Geschwindigkeit durch die Gräser und Mangrovenbäume der Everglades. Anstatt eines Abreiß-Tickets, wie sonst überall in Amerika üblich, bekommen wir hier Watte von unserem Reiseführer gereicht, die unsere Ohren vor den lauten Motorengeräuschen schützen soll. Der leichte, warme Frühlingswind scheint uns immer weiter hinein zu tragen in eine andere Welt, direkt aus dem High-Society-Lifestyle des nahe gelegenen Miami in eine Kultur, in der Reichtum und Schönheit sich auf innere Werte beschränken.


Auf dem Boot steht “Buffalo Tiger’s Airboat Tours”. Die schwarzen, endlos langen Haare des jungen Reiseführers glänzen in der Mittagssonne, während er das Clan-System seines Stammes erklärt, das nach einer matriarchalischen Hierarchie funktioniert. “Bei uns zieht der Mann nach der Hochzeit zur Ehefrau”, sagt er und lässt das Boot ganz nahe an eines der mitten in den Sumpf auf Stelzen gebauten indianischen Häuschen heranfahren, ein so genanntes “Chikee”.

Noch heute kann man hier auf einer der durch die Miccosukee-Indianer organisierten Touren sehen und vor allem nachempfinden, wie der Stamm ein ganzes Jahrhundert lang hier lebte, abgeschieden von der Außenwelt und Schutz suchend vor einer Regierung, welche die Assimilierung jeder Kultur forderte, die der ihren fremd war. “Wir Miccosukees passen uns zwar heute auf eine gewisse Art an die amerikanische Lebensart an – das geht mit dem Wandel der Zeit und der Wertesysteme einher – aber wir streben danach, den Kern unserer Traditionen von Generation zu Generation weiter zu geben. Die Exkursionen durch die Everglades, unseren River of Grass, ist nur eine Art, unsere Kultur zu bewahren.”

Wilder Westen und Indianer – das ist für viele Europäer eine Symbiose, die nur schwer voneinander zu trennen ist. Die südfloridianische Sonne und das subtropische Klima der Everglades bringt man dagegen nicht so leicht mit indianischen Kulturen in Verbindung. Doch nicht nur längst ausgestorbene Zivilisationen wie die Tequesta stammen aus Florida, auch zwei noch heute dort lebende Indianerstämme haben ihren Ursprung im Südosten der USA. Einer der beiden Stämme sind die Miccosukees, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der heute als Panhandle bekannten Landzunge im Norden Floridas in den Süden flüchteten, wo sie Schutz in den Everglades suchten. In dieser “Pufferzone” sollten sie ein weiteres Jahrhundert lang ihr traditionelles Leben führen. In der Abgeschiedenheit der Mangrovensümpfe schafften sie es selbst durch den Urbanisierungsboom der 20er und 30er Jahre hindurch, sich nicht von der expandierenden Metropole Miami mitsamt dem kapitalistischen, schnelllebigen Lebensstil einsaugen zu lassen, sondern bewahrten und pflegten ihre indianische Kultur.

 Rasches Bevölkerungswachstum und die damit verbundene teilweise Austrocknung der Everglades zugunsten der Landwirtschaft hatten jedoch zur Folge, dass die Miccosukees sich letztendlich doch an die veränderten Lebensumstände anpassen mussten - ohne allerdings ihre Werte zu verleugnen.
Hätten sie weiterhin in den Sümpfen in ihren Chikees, den traditionellen Häusern, gelebt, wäre ihre Identität graduell verloren gegangen - der bloße Zusammenschluss von so genannten Clans, ohne offiziellen Titel, ohne Rechte, Gesetze und alles, was eine legale Gemeinschaft ausmacht, lief tendenziell Gefahr, auseinander zu brechen. Deshalb entschlossen sie sich, unter der Führung des Medizinmannes Buffalo Tiger aus den Sümpfen heraus zu kommen und Teil der sie umgebenden Gesellschaft zu werden; dieser Schritt ging einher mit der Anerkennung als indianische Nation durch die US-Regierung. Doch noch heute leben die Miccosukees so nah es geht an ihrem ursprünglichen Lebensumfeld.

In den späten 70er Jahren begannen die Miccosukees, sich dem Tourismus in den Everglades zu widmen. Die Idee basierte auf drei Fakten: In erster Linie brauchten die Miccosukees Geld, hatten aber nicht die geographischen bzw. infrastrukturellen Gegebenheiten, um beispielsweise Fabriken zu bauen, in denen sie hätten arbeiten können. Zweitens gewannen die Everglades zusehends an touristischer Popularität, und drittens suchten die Indianer nach einer Möglichkeit, ihre Traditionen zu erhalten und weiter zu geben. Zählt man diese drei Faktoren zusammen, ist der Schritt zum Kultur- und Natur-Tourismus, der die Historie der Miccosukees beleuchtet, nicht mehr weit.

Nach der Etablierung des “Gambling”, also des Glücksspiels, das in den Miccosukee-Casinos legal betrieben wird, kam in den letzten Jahren der so genannte Öko-Tourismus dazu. Die Miccosukees haben es sich zur Aufgabe gemacht, Besucher des Ökosystems Everglades nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, zu bilden und sie über die Gefährdung der Gewässer und der darin beheimateten Tiere und Pflanzen durch den Menschen aufzuklären. Begonnen hat die Tourismus-Idee 1976 mit dem Ausbau des alten Indian Village am Tamiami Trail. Vom Village aus, das auf der Verbindungsstraße zwischen Miami und Naples liegt, bringen die Indianer Besucher aus aller Welt auf Booten in die Everglades und laden ins Miccosukee Restaurant, wo vor allem traditionelle Speisen aus Alligatorenfleisch, indianische Eintöpfe, sof-kee (eine Art Maismehl-Shake) oder fried bread gereicht werden.

Die Speisekarte hat sich allerdings im Laufe der Jahre den Menüwünschen der Gäste angepasst, denn neben den einheimischen Gerichten hat auch hier das fast food Einzug gehalten. Außerdem bieten die Miccosukees Führungen durch das indianische Dorf an, die das Leben des Stammes in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Schau stellen. Hier sieht man Miccosukee-Indianer in ihren traditionellen Kostümen, die Perlenstickerei, Holzschnitzerei und Korbflechterei betreiben; man kann ihnen sozusagen bei den Handarbeiten über die Schulter gucken und zum Beispiel das vor Ort angefertigte, mit Perlen bestickte Lederarmband direkt mit nach Hause nehmen.
 

Mehr Informationen

Miccosukee Touren:
Auf dem Tamiami Trail zwischen Miami und Naples
Indian Village:
Erwachsene $5,-, Kinder $3,-
Airboat-Tour: $10,-
Deluxe-Kombi-Paket:
(Indian Village, Airboat-Tour und Lunch) Erwachsene $17,60,
Kinder $16,40
Reservierungen:
305 233-8380 oder 305 233-2272
Village, Museum and Giftshop:
305 223-8380
Buffalo Tiger’s Airboat Tours:
305 559-5250
Unterkunft im Miccosukee-Hotel Resort and Gaming
S.W. 177th Avenue, Miami, FL 33194
Leistungen:
Europäischer Spa und Fitness-Center, Konferenz-Center, amerikanisch-indianische Cafés, z. B. Café Hammock (mit einem $6,95 Steak & Lobster Special), Einzel- oder
Doppelzimmer ab $69,-,
Reservierungen:
1-877 242-6464
www.miccosukee.com 


Ein Holzsteg führt
durch die Wildnis
 


Alligatoren-Wrestling wurde in den 30er Jahren von einer amerikanischen Familie in Miami erfunden. Seitdem nutzen es die Miccosukees, um Touristen zu unterhalten.


Rasante Airboat-Tour durch die Everglades

 

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