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Auf dem Motorrad über die Florida Keys
Um 7:45 Uhr war ich zu Hause aufgebrochen, mit kurzen Handschuhen,
Lederweste, Helm und den geliebten Tony Lama-Cowboyboots, die ich öl-
und benzinfest hatte besohlen lassen. Wenn ich in meiner (ersten) Heimat
Bayern auf ein Motorrad steige, bin ich andere Motorradkleidung gewohnt,
doch in Florida stellt man sich auf Temperaturen, Notwendigkeiten und
Gegebenheiten ein. Nierengurte sind ziemlich unbekannt, T-Shirts im
Sommer die Norm, und da der Florida-Gesetzgeber seit Sommer 2000 Helme
nur noch bedingt vorschreibt, sind knapp 50 % der Motorradfahrer ohne
Helm zu sehen. Wer jedoch einen Notarzt oder Personal aus der
Notaufaufnahme kennt, braucht keine häufigen Berichte, um wieder nach
dem Helm zu greifen, hier "lid" (Deckel) genannt.
Wir hatten uns um 8.15 Uhr bei Ray verabredet, der zuvorkommenderweise
die Streckenplanung vorbereitet hatte, obwohl das eigentlich meine
Aufgabe war: mit sechs Motorrädern von Hillsboro Beach, ca. 35 Meilen
(55 km) nördlich von Miami gelegen, nach Key West, möglichst auf den
kleinsten und interessantesten Straßen. Ray ist so etwas wie
inoffizieller Leiter der Southern Cruiser Riders, ein loser
Zusammenschluss von sympathischen Motorradfahrern ohne Markenpräferenz,
die sich zu Tagesfahrten verabreden oder auch für Touren wie zur
Bikeweek in Daytona Beach.
Zur Streckenplanung auf Rays Veranda gibt's noch einen Kaffee, dann
folgt die übliche Ernüchterung eines Motorradfahrers in Südost-Florida:
Jede Fahrt, und sei sie noch so schön, beginnt mit einigen Meilen
Zickzack durch einen urbanen, wenn auch subtropischen Siedlungsraum.
Aber da müssen wir durch.
Am Westende der Griffin Road in Hollywood, das übrigens älter ist als
der berühmtere Ort an der Pazifikküste, ist das urbane
Ampel-zu-Ampel-Fahren überstanden. Hier beginnen die Everglades,
konsequenterweise heißt unser Treffpunkt Everglades Holiday Park. Wir
sammeln Nick auf seiner V-Star, Sergiu mit seiner Intruder und Jeff mit
seiner Frau Lori (ebenfalls Intruder) ein, die ihre Maschinen neben
knapp zwei Dutzend anderen Motorrädern geparkt haben. Holiday Park ist
nicht nur Startpunkt für Airboat-Fahrten durch die Everglades, sondern
auch beliebter Treffpunkt: Irgendwelche Motorradfahrer sind immer
anzutreffen.
Wir schauen zu, wie bereits zu früher Stunde knapp 200 Touristen auf die
ersten Airboats warten - flache Motorboote mit wenig Tiefgang, die von
Flugzeugpropellern angetrieben, durch das teilweise nur knietiefe Wasser
huschen und einen ersten Eindruck der Everglades vermitteln sollen.
Intensive Einführung in Fauna und Flora darf man von diesen Touren nicht
erwarten; wer das sucht, sollte sich eine Einzelfahrt mit Führer gönnen.
Nicht unbedingt billig, aber das Interesse an einem der ungewöhnlichsten
Ökosysteme dieser Welt wird in einer Einzelfahrt mit kundigem Guide
reichlich belohnt. Die zwei Pfauen, die unbekümmert im Holiday Park um
Bootsanhänger, Parkplatz, Autos und Motorräder streichen, sind, wie
Pfauen das bekanntlich so schätzen, dagegen kostenlos zu bewundern.
9:35 Uhr, wir sind komplett. Sechs Motorräder, acht Personen: Ray,
Debbie, Kimberly, Jeff und Lori, Sergiu, Nick und der Autor, alle auf
Cruisern. Wir nehmen die Route 27 nach Süden, die sich am Ostrand der
Everglades bis zur Kreuzung mit der 997 hinzieht und dort nach Südosten
abbiegt: schnurgerade und recht kurz; vielleicht 10 Meilen links
Australian Pines, rechts Everglades, zur Abwechselung auch rechts
Australian Pines. Ray voran, ich hintenan als Sweeper.
Wir erreichen die US-997, auch Krome Avenue getauft. Von Avenue nichts
zu spüren, ein einsames Gefängnis, sonst Ackerland links und rechts: Wir
fahren durch die Redlands, viel Landwirtschaft, was man hier gar nicht
vermutet. Es ist eine Gegend, in die ich trotz zehn Jahren Florida noch
nie gekommen bin, leider. Denn hier bietet sich ein anderes Bild als
das, was man von South Beach, Palm Beach Shopping Malls, Strand und
Nachtclubs kennt: normaler, weniger manikürt. Eine interessante Facette
dieses Bundesstaates.
Wir tuckern auf der meist zweispurigen Straße gen Süden, im vierten und
fünften Gang mit 50 bis 60 mi/h, vorbei an Erdbeerfeldern, Guaven und
Tomatenanbau. Mittlerweile fahre ich vorneweg, mein Blick geht nach
links: So weit entfernt im Osten sehe ich die Flugzeuge des Flughafens
Miami, dass ich mich frage, wie viele Meilen wir wohl westlich von der
Küste und Stadt entfernt sind. Zu spät, um zu halten, bemerke ich am
Straßenrand einen uralten verrosteten Van, der mit einer tropfenden
Spraydose zur Plakatwand wurde:
"U-pick-your-own, Guavas, Tomatos" und darunter "Miguel". Weiß man,
warum dort Miguel steht? Ich habe keine Gelegenheit es herauszufinden
und denke heute noch daran. Bei nächster Gelegenheit werde ich dorthin
zurückkehren - eine gute Ausrede für eine Motorradfahrt.
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BU3: Oben: Unsere Gruppe vor der Seven-Miles-Bridge. Foto: Tobias
C. Kaiser
BU4: Unten: Zelebrierung des Sonnenuntergangs am Ziel in Key West.
Foto: Courtesy Florida KeysTDC
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