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Wir rollen durch Homestead, das liebevoll seinen alten Stadtkern
renoviert hat; ein ehemaliges Kino zeigt auf der Bande über dem Eingang
statt des aktuellen Films seinen neuen Verwendungszweck an: Polizei. Im
Eingang, wo vorher das Kassenfenster war, parkt konsequenterweise eine
Polizei-Harley; ein Motorradpolizist, wahrscheinlich der Motorpolizist
im Ort, zieht gerade seine Handschuhe an, während er unsere Karawane
beäugt. Misstrauen oder Lust mitzufahren?
Hinter Homestead die Wahl: US 1 oder Old Dixie? Für den Hinweg wählen
wir die US 1. Die Card Sound Road, die über den nördlichen Zipfel von
Key Largo führt, ist etwas länger, bietet aber ähnlich interessante
Perspektiven: kurz vor dem Blackwater-Sound links und rechts
Fischerhütten und Anglerboote, die auch zu mieten sind - wenngleich
etliche davon nicht immer tiefstes Vertrauen einflößen. Das Stichwort
heißt "Lokalkolorit".
Mit der Überquerung des Blackwater-Sound befinden wir uns auf den Keys -
eine gut 100 Meilen (160 km) lange Kette von Inseln, die in Key West
endet und von denen längst nicht jede an die US-1, hier auch Overseas
Highway genannt, angeschlossen ist - mancher Key ist nur übers Wasser zu
erreichen. Wir stellen uns um: Ortsangaben auf den Keys werden mittels "mile
marker" gemacht, einer von unten nach oben durchgehenden Meilenangabe.
Das Florida Keys Visitor Center, sehr gut organisiert und US-üblich mit
sehr freundlichen Mitarbeitern besetzt, befindet sich direkt am Anfang
der Keys, am mile marker 106. Wer ohne Planung und Unterkunft anreist,
wird hier bestens ausgestattet.
Im 16. Jahrhundert und noch ohne Motorräder, benannten die Spanier die
erste Insel aufgrund ihrer Form Cayo Largo, Langer Key. Über
Jahrhunderte boten die in die Florida Bay hineingetupften Keys Hafen und
Heimat für Piraten und Schmuggler, deren Sinn für Unabhängigkeit sich
bis heute auf manchen der Einwohner übertragen hat. Einzigartige
tropische Riffe, Fischreichtum, versunkene Schiffe und die Klarheit des
Wassers machen Key Largo heute zu einer der Tauch-Hauptquartiere der
Welt. John Pennekamp Coral Reef State Park, das Key Largo National
Marine Sanctuary, Molasses Reef, die Unterwasserhöhlen von French Reef:
einige der lohnenswerten Ziele tauchender Besucher. Neben Tauchen ist
Fischen angesagt: kein Monat, in dem der Veranstaltungskalender nicht
ein oder mehrere Angelwettbewerbe aufweist. Gerät kann überall gemietet
werden, man braucht also keinen Gepäckträger oder die Satteltasche zu
füllen.
Bei Tavernier passieren wir ein Ensemble von Haus, Kirche und Postamt,
das in den Siedler-Originalzustand der Jahrhundertwende zurückversetzt
worden ist. Wir gleiten durch Islamorada, lang gezogen und anfangs
entlang der US-1 sehr kommerziell und wenig tropisch. Wenn man es nicht
besser wüsste, glaubte man, Muscheln würden hier hergestellt,
Muschelgeschäfte seien hier erfunden. Die Geschäfte und kleinen Galerien
im Rainbarrel, einer Einkaufspassage in Keys-Interpretation, können
trotzdem einen Besuch lohnen. Schwindelfreie sollten nicht am höchsten
Punkt der Keys vorbeifahren: das Lignumvitae Botanicum mit sechs Metern
über NN.
Wir machen Pause, bei Papa Joe's am Südende von Islamorada:
conch-chowder, conch-fritters und frischer Fisch, dazu ein eiskaltes
Bier an der Außenbar , die in das Wasser hineingebaut nach Westen über
die flache Florida Bay schaut. Wer hier zum späten Nachmittag oder
Sonnenuntergang einläuft, kann leicht dem Keys-Rhythmus verfallen: ein
Bier, ein Daiquiri oder Rumrunner, dann noch einer, schon ist alle
Energie weg und man plätschert in den Abend hinein. Fahren sollte man
nach einem Rumrunner eh nicht mehr, zu gefährlich. Wer's nicht eilig
hat, der sollte es genießen, wenn es sich eben so ergibt.
Es geht weiter, gestärkt aber nüchtern brechen wir auf: Sergiu ist
Sweeper, ich an der Spitze, damit ich anhalten kann, wann und wo ich
möchte, um zu fotografieren.
Früher Nachmittag. Wir fahren über Marathon und den wohl schönsten Teil
der Strecke, über die Seven-Mile-Bridge: ein eleganter Bogen über das
und dem Wasser, nicht zu beschreiben. Es lohnt sich auch nur für diesen
Streckenteil, die Keys mit dem Motorrad zu befahren. Links der Ozean,
rechts die Florida Bay, etliche Meter unter einem das Wasser - klar,
warm, verlockend, türkis. Wäre ich Fisch, würde ich wohl hier leben.
Wäre ich Pelikan, erst recht. Neben der neuen steht die alte
Sieben-Meilen-Brücke nur noch in Teilen, sie war Henry Flagers
Eisenbahn-Verbindung nach Key West und wurde durch einen Hurrikan fast
vollständig zerstört. Pigeon Key mit seinen alten conch houses ist nur
über die alte Brücke - oder was davon noch steht - zu erreichen. Wir
kommen auf die Lower Keys. Rechts ein Motorradverleih. Alle Augenbrauen
gehen nach oben: das Zweirad-Equivalent zu den oben erwähnten
Angelbooten? Absaufen mit diesen Bikes ist ja nicht die Gefahr, aber
laufen die Dinger überhaupt?
Die Lower Keys sind auch Heimat für das Great National Wildlife Refuge
und das Key Deer National Wildlife Refuge: ein Heim für Hirsche. Genauer
gesagt, ein Heim für Mini-Hirsche - einige Hundert davon, die ungefähr
der Größe eines Collies entsprechen und wirklich putzig ausschauen. Wer
sie sehen möchte, sollte früh aufstehen.
Key West verkörpert die Wirtschaftsbasis der Keys am besten:
T-Shirt-Läden, Hemingway, Bars, Restaurants, Touristen - oder eine
Kombination aus allem. Manchmal etwas nervig, manchmal komisch, für
offene Augen immer interessant, zeigt sich jetzt der Nutzwert, auf MM
106 im Visitor Center angehalten zu haben. Wenn ohne einheimischen
Freund mit Insidertipps, hat der schlaue Motorradfahrer zumindest eine
Chance, Key West neben - wenn auch nicht ganz abseits - der
Touristenströme zu entdecken. Kreuzfahrturlauber reisen abends wieder
ab, aber es bleiben genügend andere Besucher - alt und jung, schön und
behandlungsbedürftig, braun gebrannt und weißhäutig, straight und schwul
- um sich nicht verlassen zu fühlen. Auf Key West kann es schon mal
passieren, dass man(n) versehentlich von einem Mann angemacht wird, und
wenn das eine Fehlorientierung war: Bitte nicht pampig werden, etwas
Toleranz ist angesagt. "No thanks" tut's meist.
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BU3: Oben: Unsere Gruppe vor der Seven-Miles-Bridge. Foto: Tobias
C. Kaiser
BU4: Unten: Zelebrierung des Sonnenuntergangs am Ziel in Key West.
Foto: Courtesy Florida KeysTDC
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