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Florida Sun Magazine - Das Insiderjournal aus Florida

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Schöner Rollen...

von Tobias C. Kaiser   

Wir rollen durch Homestead, das liebevoll seinen alten Stadtkern renoviert hat; ein ehemaliges Kino zeigt auf der Bande über dem Eingang statt des aktuellen Films seinen neuen Verwendungszweck an: Polizei. Im Eingang, wo vorher das Kassenfenster war, parkt konsequenterweise eine Polizei-Harley; ein Motorradpolizist, wahrscheinlich der Motorpolizist im Ort, zieht gerade seine Handschuhe an, während er unsere Karawane beäugt. Misstrauen oder Lust mitzufahren?
Hinter Homestead die Wahl: US 1 oder Old Dixie? Für den Hinweg wählen wir die US 1. Die Card Sound Road, die über den nördlichen Zipfel von Key Largo führt, ist etwas länger, bietet aber ähnlich interessante Perspektiven: kurz vor dem Blackwater-Sound links und rechts Fischerhütten und Anglerboote, die auch zu mieten sind - wenngleich etliche davon nicht immer tiefstes Vertrauen einflößen. Das Stichwort heißt "Lokalkolorit".

Mit der Überquerung des Blackwater-Sound befinden wir uns auf den Keys - eine gut 100 Meilen (160 km) lange Kette von Inseln, die in Key West endet und von denen längst nicht jede an die US-1, hier auch Overseas Highway genannt, angeschlossen ist - mancher Key ist nur übers Wasser zu erreichen. Wir stellen uns um: Ortsangaben auf den Keys werden mittels "mile marker" gemacht, einer von unten nach oben durchgehenden Meilenangabe. Das Florida Keys Visitor Center, sehr gut organisiert und US-üblich mit sehr freundlichen Mitarbeitern besetzt, befindet sich direkt am Anfang der Keys, am mile marker 106. Wer ohne Planung und Unterkunft anreist, wird hier bestens ausgestattet.

Im 16. Jahrhundert und noch ohne Motorräder, benannten die Spanier die erste Insel aufgrund ihrer Form Cayo Largo, Langer Key. Über Jahrhunderte boten die in die Florida Bay hineingetupften Keys Hafen und Heimat für Piraten und Schmuggler, deren Sinn für Unabhängigkeit sich bis heute auf manchen der Einwohner übertragen hat. Einzigartige tropische Riffe, Fischreichtum, versunkene Schiffe und die Klarheit des Wassers machen Key Largo heute zu einer der Tauch-Hauptquartiere der Welt. John Pennekamp Coral Reef State Park, das Key Largo National Marine Sanctuary, Molasses Reef, die Unterwasserhöhlen von French Reef: einige der lohnenswerten Ziele tauchender Besucher. Neben Tauchen ist Fischen angesagt: kein Monat, in dem der Veranstaltungskalender nicht ein oder mehrere Angelwettbewerbe aufweist. Gerät kann überall gemietet werden, man braucht also keinen Gepäckträger oder die Satteltasche zu füllen.

Bei Tavernier passieren wir ein Ensemble von Haus, Kirche und Postamt, das in den Siedler-Originalzustand der Jahrhundertwende zurückversetzt worden ist. Wir gleiten durch Islamorada, lang gezogen und anfangs entlang der US-1 sehr kommerziell und wenig tropisch. Wenn man es nicht besser wüsste, glaubte man, Muscheln würden hier hergestellt, Muschelgeschäfte seien hier erfunden. Die Geschäfte und kleinen Galerien im Rainbarrel, einer Einkaufspassage in Keys-Interpretation, können trotzdem einen Besuch lohnen. Schwindelfreie sollten nicht am höchsten Punkt der Keys vorbeifahren: das Lignumvitae Botanicum mit sechs Metern über NN.
Wir machen Pause, bei Papa Joe's am Südende von Islamorada: conch-chowder, conch-fritters und frischer Fisch, dazu ein eiskaltes Bier an der Außenbar , die in das Wasser hineingebaut nach Westen über die flache Florida Bay schaut. Wer hier zum späten Nachmittag oder Sonnenuntergang einläuft, kann leicht dem Keys-Rhythmus verfallen: ein Bier, ein Daiquiri oder Rumrunner, dann noch einer, schon ist alle Energie weg und man plätschert in den Abend hinein. Fahren sollte man nach einem Rumrunner eh nicht mehr, zu gefährlich. Wer's nicht eilig hat, der sollte es genießen, wenn es sich eben so ergibt.

Es geht weiter, gestärkt aber nüchtern brechen wir auf: Sergiu ist Sweeper, ich an der Spitze, damit ich anhalten kann, wann und wo ich möchte, um zu fotografieren.
Früher Nachmittag. Wir fahren über Marathon und den wohl schönsten Teil der Strecke, über die Seven-Mile-Bridge: ein eleganter Bogen über das und dem Wasser, nicht zu beschreiben. Es lohnt sich auch nur für diesen Streckenteil, die Keys mit dem Motorrad zu befahren. Links der Ozean, rechts die Florida Bay, etliche Meter unter einem das Wasser - klar, warm, verlockend, türkis. Wäre ich Fisch, würde ich wohl hier leben. Wäre ich Pelikan, erst recht. Neben der neuen steht die alte Sieben-Meilen-Brücke nur noch in Teilen, sie war Henry Flagers Eisenbahn-Verbindung nach Key West und wurde durch einen Hurrikan fast vollständig zerstört. Pigeon Key mit seinen alten conch houses ist nur über die alte Brücke - oder was davon noch steht - zu erreichen. Wir kommen auf die Lower Keys. Rechts ein Motorradverleih. Alle Augenbrauen gehen nach oben: das Zweirad-Equivalent zu den oben erwähnten Angelbooten? Absaufen mit diesen Bikes ist ja nicht die Gefahr, aber laufen die Dinger überhaupt?

Die Lower Keys sind auch Heimat für das Great National Wildlife Refuge und das Key Deer National Wildlife Refuge: ein Heim für Hirsche. Genauer gesagt, ein Heim für Mini-Hirsche - einige Hundert davon, die ungefähr der Größe eines Collies entsprechen und wirklich putzig ausschauen. Wer sie sehen möchte, sollte früh aufstehen.
Key West verkörpert die Wirtschaftsbasis der Keys am besten: T-Shirt-Läden, Hemingway, Bars, Restaurants, Touristen - oder eine Kombination aus allem. Manchmal etwas nervig, manchmal komisch, für offene Augen immer interessant, zeigt sich jetzt der Nutzwert, auf MM 106 im Visitor Center angehalten zu haben. Wenn ohne einheimischen Freund mit Insidertipps, hat der schlaue Motorradfahrer zumindest eine Chance, Key West neben - wenn auch nicht ganz abseits - der Touristenströme zu entdecken. Kreuzfahrturlauber reisen abends wieder ab, aber es bleiben genügend andere Besucher - alt und jung, schön und behandlungsbedürftig, braun gebrannt und weißhäutig, straight und schwul - um sich nicht verlassen zu fühlen. Auf Key West kann es schon mal passieren, dass man(n) versehentlich von einem Mann angemacht wird, und wenn das eine Fehlorientierung war: Bitte nicht pampig werden, etwas Toleranz ist angesagt. "No thanks" tut's meist.


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Nachweis 1+2: Courtesy of Crossroads Magazine, P.O.Box 70006 Fort Lauderdale, Fl 33307, Tel. 954-202-5985
BU3: Oben: Unsere Gruppe vor der Seven-Miles-Bridge. Foto: Tobias C. Kaiser
BU4: Unten: Zelebrierung des Sonnenuntergangs am Ziel in Key West. Foto: Courtesy Florida KeysTDC

 

 

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