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Vom Meer her weht eine laue Brise. Sogar
jetzt noch, am Abend, kurz nach 18 Uhr an diesem späten Februartag.
Unter den nackten Füßen knirschen die von Wind und Salzwasser
zerriebenen weißen Muscheln des berühmten Barefoot Beach von Bonita
Springs.
In Scharen sind sie wieder an den Strand gepilgert. Haben sich auf
ihren Klappstühlen und Badetüchern positioniert. Einheimische,
Zugereiste und Touristen – Profis in Sachen Sonnenuntergang. Die
Stilvollen entkorken eine Flasche Wein, stellen edle Kristallgläser
auf den Plastik-Cooler, auf dem sie zuvor eine weiße Tischdecke
drapiert haben. Eine Impromptu-Degustation im Abendrot, man bleibt
vornehm, auch zwischen Frisbees und Sandburgen. Die weniger auf
Etikette Bedachten schlürfen derweil nicht weniger genussvoll ein
Budweiser und futtern Kartoffelchips. Jeder nach seiner Façon.
Formvollendet oder zünftig: Gekommen sind sie, um am Golf von Mexiko
einen der wohl schönsten Sonnenuntergänge der Welt zu zelebrieren. Sie
sind nicht allein. Ob entlang der Hotelanlagen von Clearwater Beach im
Norden oder dem kilometerlangen, blendend-weißen Sandteppich-Strand
von Anna Maria Island nahe Sarasota, ob auf den Logenplätzen der
Luxusappartements am Pelican-Bay-Strand von Naples oder beim
allabendlichen Karneval der weltberühmten „Sunset Celebration“ am
Mallory Square auf Key West – überall liefert der atemberaubende
Sonnenuntergang entlang der Golfküste ein prächtiges Spektakel mit
garantiertem Wohlfühl-Faktor fürs Gemüt.
Sogar Bernie ist immer wieder begeistert. Eigentlich ist er einer
dieser Typen, die nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Dreißig Jahre
im mittleren Management bei einem großen Automobilhersteller in
Detroit, vor acht Jahren dann die Pensionierung. Damals hat er sich
mit seiner Frau Lee in Bonita an Floridas Westküste ein Appartement
gekauft, nur zehn Gehminuten vom Strand entfernt. Ein Zugvogel aus
Überzeugung: „Einen eisigen Winter oben in Michigan – nee, das machen
wir nicht mehr mit! Wir kommen jedes Jahr im Oktober und bleiben meist
bis Anfang Mai“.
Jetzt stehe ich mit den beiden am Strand und wir lassen die Wellen um
unsere Füße plätschern. Eine Zufallsbekanntschaft, wie sie sich
zwischen St. Petersburg und Key West jeden Abend oftmals
zusammenfindet. „Wir kommen jeden Tag hierher“, sagt Bernie, und in
seinen gebräunten Zügen unter der Baseball-Kappe erkenne ich fast so
etwas wie sentimentale Rührung. Eine Stunde lang sind sie zuvor am
Strand spazieren gegangen. Jetzt, wo in wenigen Minuten die Sonne
versinken wird, stehen sie wieder an ihrem Lieblingsplatz, gleich
unter einer riesigen Palme. In wenigen Minuten wird die
orange-rötliche Färbung des Lichtes sämtliche Gegenstände in eine
harmonische Beziehung zueinander setzen.
Sie lässt einen nie wieder los, diese Faszination mit dem Moment, wenn
sich der glutrote Sonnenball auf die messerscharfe Kante des Horizonts
setzt, einige Sekunden balanciert, als falle es ihm schwer, die Erde
zu verlassen, um dann doch unterzutauchen. „So einen fantastischen
Sonnenuntergang können sie sonst nirgendwo sehen“, erklärt Bernie mit
der Lässigkeit des Weitgereisten. „Nicht auf Korfu, wo die Sonne
golden über dem Ionischen Meer glänzt, nicht in Bali, wo sie
gelbgrünblau in den Indischen Ozean versinkt.“
Die besten Plätze zum Sonnenuntergang-Gucken, sagen die Kenner, liegen
zwischen St. Petersburg und Naples. Der Strand von Treasure Island bei
St. Petersburg etwa, der Turner Beach auf Captiva Island, der Causeway
Beach auf Sanibel Island und der Bowditch Beach in Fort Myers.
Zwischen Fort Myers Beach und Bonita Beach hat das Fremdenverkehrsamt
– als Service für die Abendrot-Fans – extra farbige
Sunset-Hinweisschilder aufgestellt. In Naples trifft man sich zum
Abendglühen am Vanderbilt Beach vor dem Ritz Carlton-Hotel, im
Lowdermilk State Park oder auf der Naples Fishing Pier.
Ein Besucher aus Deutschland hat neulich gelästert, die ganze
Sonnenuntergangs-Romantik sei doch bloß eine Erfindung aus den
Hochglanzprospekten der Reiseveranstalter. Beim Blättern durch ein
Magazin stieß ich vor ein paar Tagen dann auf die Anzeige eines
„paradiesischen Likörs“. Der sei, so der Werbetext „wie goldene
Sonnenuntergänge mit langem Nachglühen und Liebesnächte unter
funkelndem Sternenhimmel. Wunderbar für jene Momente, in denen die
Schönheit des Lebens uns das Herz öffnet und mit Freude erfüllt.“ Um
Himmels Willen, ist am Ende wirklich schon viel zu viel über
Sonnenuntergänge geschrieben und gedichtet worden? Und sind nicht
schon viel zu viele Abendrot gemalt worden, dass das Auge ganz
bezuckert ist von all dem leuchtenden Kitschbrei in Rot, Orange und
Pink?
Heinrich Heine hatte ja auch so seine Zweifel. In seinem Gedicht
,,Mein Herz, mein Herz ist traurig“ fegte der deutsche Dichter schon
1817 die typische Idylle und Harmonie der Romantik hinweg. Für ihn war
das Untergehen der Sonne der Vorbote von Unheil, das Ende des Tages
betrachtete er als Symbol für das Ende des Lebens. Wahrscheinlich
hätte dem grübelnden Poeten ein Besuch an Floridas Westküste gut
getan. Besonders bedrückt wirken die Leute am Strand von Bonita
Springs nämlich nicht, als die Sonne in den Golf plumpst. Für sie –
und da sind sie doch wieder ganz Amerikaner – hat Mutter Natur eine
tolle Show hingelegt, die kein Hollywood-Regisseur besser hätte
inszenieren könnte. Applaus für „Nature’s Nightly Show“! Auch Bernie
und Lee klatschen begeistert in die Hände.
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Traumhaft schön: Sonnenuntergang in Fort de Soto/Terra Verde bei
St. Petersburg Beach

Am Golf von Mexiko werden die wohl schönsten Sonnenuntergänge der
Welt zelebriert.


„Sie lässt einen nie wieder los, diese Faszination mit dem Moment,
wenn sich der glutrote Sonnenball auf die messerscharfe Kante des
Horizonts setzt...“

Die Naples Pier ist ein beliebter Ort für die tägliche Sunset
Celebration.

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