Nebelschwaden verquirlen auf den Dachpfannen zu Rinnsalen, die an der grauen Holzfassade der Reithalle hinablaufen. Auf dem Boden vereinigen sich die Wasser erneut und bilden glasige Pfützen. Aus vergitterten Fenstern wabert der würzige Geruch der Pferdeboxen. Nasskalte Ungemütlichkeit. Einerseits. Andererseits stehen hinter diesen schmucklosen Mauern einige der teuersten Reitpferde von Naples. „Da haben Sie sich ja ein tolles Wetter ausgesucht“, begrüßt mich Steven Williams mit einem freundlichen Lächeln. Irgendwie passt er nicht in diese ländliche Umgebung. Er spricht leise und äußerst präzise. Trägt Designer-Poloshirt und italienisches Schuhwerk. Ein eleganter Mann inmitten von Strohballen und Pferdeäpfeln.
„Hallo, wie geht’s, schön, dass Sie zu uns raus gekommen sind.“ Eine sportliche Blondine in voller Reitermontur kommt mir durch die Boxengasse entgegen. Sandra Williams, die Gattin von Steven. Resolut greift sie die Zügel eines mächtigen braunen Pferdes, das aufgeregt den Kopf hin und her wirft. Ich gehe leicht erschrocken ein paar Schritte zurück. „Das ist Bambino, mein 17-jähriger Rheinländer. Der ist mit mir vor sieben Jahren von Meckenheim nach Florida umgezogen.“ Willkommen im Naples Equestrian Center, dem – soviel Anglizismen seien erlaubt – "home turf" von Sandra und Steven Williams.
Eigentlich fängt die Geschichte unseres Paares bereits Mitte der 90er Jahre an. Sandra steht damals vor einer glänzenden Karriere in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Als Tochter des ehemaligen Redenschreibers von Altbundeskanzler Helmut Schmidt studierte sie erfolgreich Politische Wissenschaften und Psychologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Und hätte längst ihr Können in die Waagschale geworfen, wenn nicht, ja wenn nicht diese verflixte Liebe zur Reiterei gewesen wäre. Die junge Amazone ist gut, sogar sehr gut. Gewinnt zahlreiche Amateurturniere. Hat das Zeug zum Profi. Ein Leben im Spannungsfeld zwischen sportlicher Passion und beruflicher Erfüllung.
Steven Williams wächst in Kentucky auf, ein sportlicher Bursche mit einer großen Liebe zum Golfsport. Befindet sich auf dem besten Wege, in den Profi-Circuit einzusteigen. Hat aber noch eine andere Leidenschaft: den Motorsport. Liebt den Benzingeruch in der Nase. Die Disziplin und fehlerlose Präzision, die er im Rennen braucht, um vorne mitzufahren. Arbeitet sich langsam die Ränge hoch, fährt vor allem die amerikanische Prototypen-Rennserie – arrivierte Namen, von Maserati über Lotus bis hin zu Porsche. Schon bald wird er von namhaften Sponsoren des Rennsportzirkus entdeckt.
Irgendwann finden sich Porsche und Steven Williams, die deutsche Motorsportlegende und das Fahrertalent mit der kühlen Strategie. Das Team Porsche/Williams bleibt auch nach Abschluss von Stevens aktiver Laufbahn zusammen; zunächst arbeitet er als Testfahrer, später dann in der Porsche-Niederlassung in Naples. Vor gut einem Jahr übernahm der ehemalige Rennfahrer die Porsche-Vertretung von der Shelton-Gruppe und führt Shelton Porsche jetzt in Eigenregie.
Stimmt es, dass ein typischer Käufer in Naples einen Porsche nicht deshalb kauft, weil er nach Statussymbolen sucht, sondern sich seinen lebenslangen Traum erfüllen will. „Das ist richtig“, erklärt Steven Williams, „viele unserer Käufer sind in einem Alter, in dem sie niemandem mehr etwas beweisen müssen. Die kaufen sich einen Porsche aus purer Leidenschaft für eines der besten Automobile der Welt. Porsche genießt einen einmaligen Ruf als Sportwagen. Viele unserer Käufer wollen sicher auch ein Stück weit an dieser großen Automobilgeschichte teilhaben. Zum anderen wollen Sie einfach die Freude genießen, die man halt nur beim Fahren eines Porsches empfinden kann.“
Irgendwann also treffen diese beiden unterschiedlichen Lebenswege aufeinander, ganz zufällig. Oder doch nicht? Freunde von Sandra machen seit Jahren Urlaub in Florida. Haben irgendwann den sympathischen Rennfahrer Steven kennen gelernt. Im Jahre 1997 steht wieder eine Urlaubsreise an. Die Freunde spielen Schicksal. Fragen Sandra, ob sie nicht mitkommen will. Der Ex-Rennfahrer und die Ex-Springreiterin werden einander vorgestellt. Und es funkt offenbar sofort. Es gibt viel Gemeinsames.





