Er kennt sie alle, die Legenden der Motorrad-Szene: Arlen Ness, David Mann, Ed »Big Daddy« Roth, Dave Poole, Stoney, Gary Barbour. Kein Wunder, war Robert Brandons Liebe zu motorisierten Vehikeln doch schon früh ausgeprägt. Bereits im Alter von zwölf Jahren schraubte er »Minibikes« aus Fahrradrahmen zusammen und benutzte Rasenmähermotoren, um sie anzutreiben.
Bis heute sind möglichst alle Teile seiner »Bikes« selbst gefertigt – und das mit einer riesigen Portion Pragmatismus: Der Frontscheinwerfer seiner neuesten Kreation »Maroon« etwa leistete bis dato gute Dienste als Edelstahltopf zur Herstellung von Knoblauchbutter in Brandons Küche. Seine Kreationen sind allesamt im Stil der frühen Harley-Davidsons gehalten, allerdings ausgestattet mit modernster Sportster- oder Buell-Technik und einem sagenhaften Leistungshammer:
»Es spielt keine Rolle, welcher Gang drin ist – ich verbrenne immer den Hinterreifen.« In den frühen Siebzigern hatte sich Brandon, wie er seit Ewigkeiten genannt wird, von Familie, Freunden und dem kalten New Yorker Klima verabschiedet und war ins sonnige St. Petersburg gezogen. Während er nachts den »Haines Road Bar Run« genoss (eine Straße in St. Petersburg, in der sich Bar an Bar reiht), führte wenige Meilen nördlich ein berühmter Maler und Zeichner ein sehr ähnliches Partyleben: David Mann war schon damals durch seine Zeichnungen für das Motorradmagazin »Easyriders« ein Promi in der Szene.
»Irgendwie hatte David von mir gehört«, erinnert sich Brandon. Doch es dauerte noch fast ein Jahr, ehe die beiden zueinander fanden und sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte, die auch in den Werken von Mann Ausdruck findet: Wer seine Bilder genau anschaut, wird immer wieder auf den Typen mit der Augenklappe stoßen (Brandon verlor im Alter von vier Jahren bei einem Autounfall sein rechtes Auge). Das wohl bekannteste Bild heißt »Brandon’s Alky Hall of Fame« aus dem Jahr 1980. Die Namen von alten Freunden in Florida und vielen neuen Bekannten in Kalifornien haben Brandon und David in einer nicht enden wollenden Nacht auf die Wand hinter einer Bar gepinselt.
Brandon ist ein Typ, aus dem die Anekdoten nur so heraussprudeln. So zum Beispiel die Story aus den Sechzigern, als auch er seine Einberufung für Vietnam bekam und zur Musterung antreten musste. Da standen die Jungs schüchtern in einer Reihe und wollten ihre Begründung loswerden, warum ausgerechnet sie nicht tauglich seien. Alle wurden zu striktem Schweigen verdonnert – »und schweigen kann ich«, dachte Brandon. Und schwieg. So ließ er alle Prüfungen schweigend über sich ergehen. Bis gegen Ende ein Sehtest angesetzt war. Er wurde aufgefordert, sein rechtes Auge zuzuhalten und zu lesen. Dann folgte das linke. Niemand der anwesenden Militärs im Raum glaubte ihm, als er sagte, er sehe nichts (zu dieser Zeit trug er ein Glasauge), alle meinten, er wolle sich vor Vietnam drücken.
Da stieß Brandon mit dem rechten Zeigefinger zu – und das Glasauge fiel laut polternd auf den Tisch. Noch heute kann er sich krümmen vor Lachen, wenn er sich an diese Situation erinnert, doch Augenblicke später wird er ungewöhnlich ernst, und der Schalk verschwindet aus seinem Gesicht – nur für dieses eine Mal an diesem Tag: »Ich habe in den sechs folgenden Monaten sieben meiner besten Freunde beerdigen müssen.« Das Biker-Leben in Florida ging 1978 zu Ende – vorübergehend jedenfalls. Damals entschied sich David Mann, ins kalifornische Malibu zu ziehen, um näher am »Easyriders«-Magazin zu sein. Und auch Brandon, so der Plan, sollte nachkommen. »In dieser Zeit rief mich David jede Nacht an, um mir zu sagen, dass ich am Airport von 50 attraktiven Schönheiten empfangen werden würde.« Brandon lacht.




