Ein urwüchsiger Typ, der einem da am Tor zu seinem Haus mitten in den Everglades entgegenkommt. Breitkrempiger Hut, Rauschebart, die Füße stecken in ausgelatschten Gummischuhen. Auch rein figürlich erinnert Clyde Butcher eher an einen Preisboxer als an den gefeiertsten Naturfotografen Floridas. Wenn, ja wenn da nicht diese hellwachen Augen wären, die den Eindringling – pardon, Besucher – so aufmerksam mustern. Und verschmitzt blinzeln, als sie dessen anfängliches Erstaunen über seine raue Schale bemerken. Doch dann fängt er an zu reden, der Dokumentar, Bewahrer, Apostel der Everglades. Mit überraschend melodischer Stimme übrigens. Zeigt auf einen schlanken Graureiher, der staksig auf einem Bein im Morast steht. Erklärt den Jahreszeitenzyklus der Elliotskiefer, die einzige in Südflorida beheimatete Kiefernart. »Unterhalb der Bäume wachsen farnartige Pflanzen«, sagt er und streicht sich über den weißen Bart mit einer Handbewegung, die wir in den nächsten zwei Stunden häufiger sehen werden.Geste der Konzentration, aber auch Zeichen der Nachdenklichkeit.
Die einfach wirkende Baumgemeinschaft, so lernen wir, ist überraschend vielfältig und besteht aus über 200 Unterholzgewächsen, von denen 30 Arten sonst nirgendwo auf der Erde vorkommen. Wir marschieren weiter über einen kurzen Pfad in Richtung Haus – und sind schon gefangen vom Zauber dieser einmaligen Landschaft, diesem endlosen Sumpfgebiet mit Sägegras und den inselartigen Erhebungen, bewachsen mit tropischen Hölzern. Fast noch mehr aber fasziniert uns dieser struppige Bär, der mit seinem sanften Timbre und seinen Fotografien noch jedem die Augen für die Schönheit dieser einmaligen Kulisse geöffnet hat. Seit über zehn Jahren leben er und seine Frau Niki mitten im »Big Cypress National Preserve«. An jedem Labor-Day-Wochenende veranstaltet er Sumpfwanderungen durch sein dreizehn Morgen großes Anliegen. Tausende sind die Tour schon mitmarschiert, unter anderem der frühere Gouverneur von Florida, Lawton Chiles, und der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter. Clyde Butchers großformatige Kunst hat derweil längst Einzug gehalten in viele Galerien und Museen auf der ganzen Welt.
Für Butcher, der anfänglich als Architekt gearbeitet hat und sich erst 1974 der Fotografie zuwandte, ist die Schwarzweiß-Fotografie mehr als ein rein künstlerisches Medium. Sich der amerikanischen Bildtraditionen besinnend, verfolgt er mehr und mehr auch ein die Natur bewahrendes Anliegen, das gesellschaftspolitisches Engagement einschließt. Mit seinen riesigen Kameras dringt er tief in die Naturreservate ein, sucht – teils im Sumpf stehend – das ideale Licht, den optimalen Ausschnitt und die heroische Kraft einer bis heute ungebändigten Fauna und Flora. Seine Fotos sind Hymnen an die unberührte, von Menschen unfassbare Natur – und gleichzeitig auch Mahnmale ihrer Vergänglichkeit.
Eine Stunde ist vergangen, wir sitzen mit dem Meister am Computer. Während Butcher in seinem Studio in Venice an Floridas Westküste ein eigenes Fotolabor betreibt, gibt er seinen Werken hier mithilfe der digitalen Technik den letzten Schliff. »Das hat nichts mit Manipulation zu tun – ich verändere die Motive nicht, sondern verfeinere sie gewissermaßen in einem letzten kreativen Akt.« Tausende Negative bewahrt er hier im Safe gleich nebenan auf, sein gesamtes künstlerisches Œuvre. Auch die Ergebnisse seiner Reisen nach Kuba in den Jahren 2002 und 2003 sind hier verschlossen. Damals suchte er einige der abgeschiedensten und gebirgigsten Gegenden der Insel auf. Eindrucksvolle Fotos der Sierra Maestra in Kubas östlicher Provinz Granma, der Südküste zwischen Manzanillo und Santiago de Cuba sowie den Wasserfällen in der Sierra de San Juan waren das Ergebnis. »Ich hoffe, diese Fotos werden der Welt die bisher unbekannte Schönheit offenbaren, die nur knapp 90 Meilen südlich von Florida zu finden ist«, sagt der Künstler. Clyde Butcher lässt sich auf die Landschaft ein, sucht ihre Rauheit, ihr widerspenstiges Wesen und ihre Unbegehbarkeit. Fernab der Zivilisation dringt er ein in die entlegensten Winkel. Er selbst ist dabei kein Fremdkörper, seine Kamera wird Teil eines Anschauungsprozesses, der vor allem die Monumentalität und urwüchsige, ungebrochene Kraft der umgebenden Natur widerspiegelt.








