18. 04. 2018
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Lifestyle

Golf-Special Reportage: Zwischen Lust und Frust

Bei kaum einem Sport liegen Begeisterung und Verzweiflung so nahe beieinander wie beim Golf. Unser Autor kann ein Lied davon sinGen, schwingt er doch reglmäßig den Schläger, wenn er in seinem Ferienhaus in Naples weilt. So wie neulich, als er wieder mal mit seinem Freund Dan zu einer Golfrunde aufbrach.

Autor: Friedrich Schmidt

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WIE EINE SILBERNE DECKE überzieht der Morgentau das Bermudagras. Die Sonne ist gerade erst über den Horizont geklettert undzeichnet mit ihren Strahlenfingern einMuster aus langen Schatten und goldenenLichtstreifen auf das Fairway. Schöner kannkein Golfer-Traum sein. Wir sind heute »early birds« und genießen die Ruhe des Morgens. Wir, das sind mein Freund Dan und ich. Wobei das mit dem »Freund« so eine Sache ist: Heute ist wieder Wettkampf angesagt! So wie alle zwei Wochen, wenn wir uns auf einem der zahlreichen Golfplätze in und um Naples treffen. Die Gegend gilt als wahres Golfparadies. Angesichts der Fülle an Golfplätzen hat die National Golf Foundation die Paradise Coast zur nationalen Nummer 1 der Golfreviere gekürt. Auf über 90 Plätzen können Golfer aller Niveaus ihrem Hobby nachgehen. Einige der Anlagen wurden von führenden Golfarchitekten wie Robert von Hagge, Tom Fazio, Jack Nicklaus und Arnold Palmer entworfen. Und viele Hotels und Resorts verfügen über eigene Anlagen oder zumindest Verbindungen zu privaten Golfclubs, die spezielle Konditionen für Gäste anbieten.

Doch all das hilft mir im Moment wenig. Auf den weiten Fairways des Tiburón-Golfplatzes habe ich vor ein paar Wochen den Kürzeren gezogen – und als Verlierer durfte ich den nächsten Platz auswählen. Den Cypress-Woods-Golfplatz habe ich natürlich nach taktischen Gesichtspunkten ausgesucht: Der Platz kommt mir mehr entgegen als Dan. Mein Freund hat wundervoll weite Abschläge, kaum einer landet unter 200 Yards, doch er kämpft häufig mit der Richtung, während ich mich beim kurzen Spiel (Pitch und Putt) wohler fühle. So ist unser Platz heute abwechslungsreich, voller Überraschungen, manchmal eng und »tricky«, aber immer fair. Dass es mein Lieblingsplatz ist, gibt mir Hoffnung, erhöht es doch meine Chancen auf eine gelungene Revanche. Ich werde es Dan diesmal schon zeigen!

Wer Dan zum ersten Mal trifft, hält ihn sicherfür einen Halbprofi. Sein Riesenbag quillt förmlich über vor lauter Schlägern. Diesen Spaß will ich ihm nicht verderben, sonst würde ich mal nachzählen, ob es nur die erlaubten 14 Stück sind oder vielleicht doch an die 20. Selbstverständlich spielen wir streng nach den Regeln der PGA. Zwei Ausnahmen gestatten wir uns allerdings: einen Mulligan (straffreie Wiederholung eines misslungenen Abschlages), und die verschossenen Bälle werden den Golfgöttern geopfert, also nicht gesucht. Die Zeit nutzen wir lieber für tiefgründige Erörterungen, warum ausgerechnet dieser Schlag misslungenen ist.

Und dann geht es los. Spaß muss sein, doch es geht um die Ehre und letztlich darum, wer später für den wohlverdienten Lunch geradestehen muss. Nachdem obligatorischen Handschlag, dem Wünschen eines »schönen Spiels« und dem Probeschwung widmen wir uns der Herausforde-rung des ersten Lochs: Es ist schnurgerade und das Fairway öffnet sich wie ein Trichter Richtung Grün – genau richtig für einenentspannten Anfang. Erst nach dem erfolgreichen Putt blicken wir zurück und sehen, wie die dunkle Spur unseres Golfcarts die unberührte Harmonie der Silberwiese zerstört hat.

Breit und ausladend wie ein Fußballfeld liegt die nächsteBahn vor uns. Hier kann eigentlich nichts schiefgehen. Der Abschlagpasst. Ich überlege kurz: Vorlegen und mit einem 70-Yard-Pitch über das Biotop aufs Grün oder direkt mit dem 3er-Holz? Nach einem innerlichen Fußtritt entscheide ich mich für die Maxime »No risk, no fun«, und nach einem Putt habe ich das 53ste Birdie (ein Schlag unter Par) meiner Golfkarriere geschafft. Gleich gehe ich aufrechter und wachse um ein paar Zentimeter. Sogar Dan lässt sich zu einem »Well done, old boy« verleiten. Mit geschwellter Brust und neuem Selbstvertrauen greife ich Loch 4 an: Ein Dogleg (abknickender Kurs) nach links, genau dort, wo rechts ein See lauert – die Aufgabe ist machbar. Also gib ihm Schmackes! Mir gelingt ein wundervoller Schlag, fast über meinen Verhältnissen. Voller Stolz bewundere ich, wie die weiße Kugel wegsteigt. Dan ahnt schon, was im nächsten Moment passiert: Mein Schlag mutiert zum perfekten Slice. Er verlässt die so gut begonnene Flugbahn, dreht nach rechts ab, genau in die Mitte des Sees. Wieder auf Normalmaß gestutzt, stecke ich meinen Schläger zurück ins Bag. Dans tröstende Worte will ich gar nicht erst hören. Wenn das Pech einmal zuschlägt, dann bleibt es auch gleich kleben. Nächster Abschlag, Ball aufgeteet, konzentriert geschlagen und getroffen. Mit einem furchterregenden Geräusch, das auf größeren Flurschaden schließen lässt, verschwindet der Ball im nahen Gehölz. Nach einem vernehmlichen Knall ist Ruhe. »You killed a tree«, bemerkt Dan trocken. Jetzt opfere ich meinen Mulligan, und der Ballfliegt, wie er soll, mitten aufs Fairway. »Warum nicht gleich so«, presse ich zwischenden Zähnen hervor.

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18. 04. 2018
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