01. 07. 2016
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Lifestyle

Netflix-Thriller »Bloodline«: Stürmische Zeiten

Freunde des nuancierten Geschichtenerzählens werden auf Netflix bestens bedient: Mit »Bloodline« hat der Video-on-Demand-Kanal eine der besten Serien der Saison im Programm. Die zweite Staffel ist jetzt auch in Deutschland zu sehen. Wir haben
uns einmal an den Originalschauplätzen auf den Florida Keys umgeschaut.

Autor: Tanja Weithöner

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»WE’RE NOT BAD PEOPLE, but we did a bad thing.« Nach diesem Satz des gutaussehenden Hauptdarstellers John (Kyle Chandler), "police detective" und Lieblingssohn der Hoteliersfamilie Rayburn, ahnt jeder, dass die Geschichte in Islamorada nicht gut ausgehen wird. Darüber kann auch der beharrlich glitzernde Golf von Mexiko nicht hinwegtäuschen. Und auch die unerschütterlich liebende Mum Sally (Sissy Spacek) vermag es nicht wegzulächeln. Als dann der verlorene Spross Danny (Ben Mendelsohn) anlässlich des Clantreffens zu Ehren von Patriarch Bob (Sam Shepard) auftaucht, ist die See so unnatürlich glatt und grün, als stockte selbst ihr der Atem. Und wie reagiert der unbekümmerte Jüngste Kevin?

Wer wie wir wissen will, welches Geheimnis unter dem Dach des elterlichen Bed & Breakfasts gehütet wird und warum der ambitionierten Tochter Meg (Linda Cardellini), einer renommierten Anwältin, keineswegs zu trauen ist, schaut derzeit die zehn neuen Bloodline-Episoden auf Netflix. Die erste Staffel der Thrillerserie – gedreht auf den Florida Keys– hat die Erwartungender Fans jedenfalls schon mehr als erfüllt.

Wir würden gerne berichten, dass im The Moorings Village & Spa, dem Hauptdrehort, größtenteils Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung herrscht. Aber wir können es nicht. Unter den rauschenden Bananenbäumen und den im Kolonialstil geschachtelten Holzbalken kracht es gewaltig. Völlig abgesehen von den im Sommer ohnehin ortsüblichen Gewittern, die den Himmel innerhalb von Minuten verdunkeln.

Seit 45 Jahren führt die angesehene Südstaatenfamilie Rayburn ihr traumhaft schö- nes Strandresort ebenso erfolgreich wie auf- opferungsvoll – wobei aufopferungsvoll im wörtlichen Sinne gemeint ist. Nur einer zieht eben nicht mit: Danny, schwarzes Schaf der wohlhabenden Sippe, der nach Jahren der Abwesenheit eines Tages angetrunken aus dem Fernbus wankt. Bereits am Ende der ersten Folge ist er tot, und die Rätsel, die sich um sein Ableben ranken, sind so verworren und undurchdringbar wie Floridas Mangrovensträucher. Wusste Danny zu viel von alten Familiensünden?

Bringen seine skurrilen Freunde, die in die Idylle platzen, endlich Licht ins Dunkel?
Wir haben ein paar hilfreiche Vorschläge, wie man sich vor dem Anschauen der neuen Folgen vor Ort in Florida noch schnell Bloodline-kundig machen kann. Etwa beim Lunch im Alabama Jack’s. Danny ordert in seiner ersten Szene einen Fisch-Taco. Ob Sie stattdessen lieber eine Portion »Conch Fritters«, knusprig frittierte Seeschnecken bestellen, für die das Lokal am Kanal so berühmt ist, sei Ihnen überlassen. Wenn aber erst die in die Jahre gekommenen Barladys ihre nicht mehr ganz blütenweißen Tüllröckchen zur Country-Live-Musik wippen lassen, ist man schon mittendrin im schwülen Key-West-Fieber.

Das sonderbare Szenario hat etwas von Tennessee Williams’ Meisterwerk »Endstation Sehnsucht«, das er 1947 in Key West vollendet haben soll. Wie heute ging es schon damals um die Gegensätze zwischen der aristokratischen Südstaatenkultur und dem neuen, echten Amerika. Noch immer herrscht das Gesetz des Dschungels, nur dass das Oberhaupt der umtriebigen Rayburns mit leichten Sommerbaumwollhosen zum Familien-Beach-Volleyballspiel aufschlägt, während Muskelmacho Marlon Brando in der Verfilmung von »A Streetcar Named Desire« 1951 hauptsächlich mit durchgeschwitzten Arbeiterhemden Eindruck auf alle Generationen machte.

Die Florida Keys bieten die ideale Kulisse für solche kontrastierenden Storys. Sonnenschein hier, dunkler Sumpf da. Mit dem Besuch eines weiteren Drehorts, des Caribbean Clubs, wollen wir der vielschichtigen Parallelwelt von Bloodline noch genauer auf die Spur kommen. Der Kellner stellt eisgekühlte Biere in geriffelten Plastikbechern vor uns hin. Ein Toast auf den tollen Meerblick! Auf einen Sundowner zieht man am besten weiter ins urige Morada Bay Beach Café. Wir sippen an einem hochprozentigen Cocktail namens »Dark & Stormy« und bohren gedankenverloren die Zehen in den Sand. »Meinst Du, Danny hatte etwas mit der Explosion auf der Luxusyacht zu tun?« Die Palmen rascheln verheißungsvoll zur Antwort, und die pastellfarbenen Holzstühlchen scheinen die geheimen Schattenseiten der Keys übertünchen zu wollen. Gelingt ihnen natürlich. Vorübergehend.

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