New Urbanism? Das war lange Zeit nur wenigen Spezialisten ein Begriff. Wer hatte schon das Buch von Prinz Charles »A Vision of Britain« gelesen, um auf ein merkwürdiges Städtchen namens Seaside zu stoßen? Wer glaubte dem Prinzen, dass ausgerechnet dieser Ort »beginnt, das architektonische Denken überall in den Vereinigten Staaten zu beeinflussen«? Und wer hatte schon den US-Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig ernst genommen, auf dem 1996 das Disney-Städtchen Celebration vorgestellt wurde?
Im Gegenteil: Die amerikanische Stadt schien wieder einmal ein neues Monster erzeugt zu haben – ein antiquiertes Gebräu von gestriger Architektur, sozialer Sterilität und Abgeschlossenheit. Der Film »Die Truman Show« mit Jim Carrey in der Hauptrolle, der in Seaside gedreht wurde, tat ein Übriges, dieses Bild in Europa zu zementieren. Und Celebration? Das schien vielen jenseits des Atlantiks eine sentimentale Erfindung des Disney-Konzerns, eine heile Kitsch-Welt fernab der urbanen amerikanischen Wirklichkeit. Doch derlei Erklärungsmuster sind zu einfach und bequem. New Urbanism erwies sich als schillerndes Kompositum aus zeitgenössischer Stadttechnik, modernem Komfort und traditionalistischem Städtebau. Hintergrund ist die Kritik am Zustand der amerikanischen Stadt, am »Suburban Sprawl«. Und diese wird inzwischen von einer immer breiteren Öffentlichkeit geteilt.
New Urbanism fordert Fußgängerfreundlichkeit, die Förderung des öffentlichen der Umwelt maximal vernetzt ist. Ein an den Prinzipien der historischen Stadt orientierter Städtebau, so die Grundannahme, fördert den Zusammenhalt, stimuliert die Nachbarschaft und erweckt die »Community« zu neuem Leben. Der Beginn der Projektentwicklung von Seaside im Jahre 1980 markiert die Geburtsstunde des New Urbanism. Als Ferienort am Meer in Auftrag gegeben und am Vorbild viktorianischer Badeorte orientiert, gilt der Ort als das bis heute erfolgreichste Beispiel einer neotraditionalistischen Stadtplanung.
Errichtet wurde Seaside nach Entwürfen des amerikanischen Architektenduos Andreas Duany und Elisabeth Plater-Zyberk; der Luxemburger Architekt und Theoretiker Léon Krier stand als Berater bei. Die Planer verfolgten den Anspruch, den Bewohnern ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, das in den gewöhnlichen amerikanischen Mittelklassevororten verloren gegangen war. Statt Einkaufszentren mit bis zum Horizont reichenden Parkplätzen gibt es in Seaside einen Dorfplatz mit Cafés und Lebensmittelgeschäften, statt kilometerlangen Zufahrtsstraßen entlang überdimensionierter Rasenflächen kleine Straßen und vergleichsweise kompakte Einfamilienhäuser.
Ähnliches gilt für den Ort Celebration in der Nähe von Orlando, erbaut ab 1997 für etwa 20.000 Einwohner. Auch hier setzten die Architekten auf Kleinteiligkeit und traditionelles Fassadendesign. Fast alle Neubürger schätzen das sehr persönliche Kleinstadt-Flair, das viele an ihre Kindheit erinnert. »Alles, was ich tun muss, ist auf meine Veranda zu gehen, und ich habe Gesellschaft«, sagt eine Bewohnerin. Beim täglichen Gang durch die Siedlung ergeben sich derart viele Gesprächsmöglichkeiten, dass ein Bewohner aus Celebration »klagt«, er würde zwei Stunden brauchen, um von der Arbeit nach Hause zu radeln, da er dauernd auf bekannte Gesichter treffe. Doch auch er schwört wie die anderen, dass er es keinen Moment bereue, hierher gezogen zu sein.
INTERVIEW
Florida Sun: Herr Nassar, so wie das benachbarte Walt Disney World repräsentiert die Kleinstadt Celebration die amerikanische Idealwelt: proper, clean und ohne soziale Probleme. Verstehen Sie, wenn mancher Europäer angesichts dieser künstlichen Idylle skeptisch ist?
Nad Nassar: Ehrlich gesagt nein. Denn meistens kritisieren dieselben Leute ja auch die seelenlosen amerikanischen Städte, die sich vornehmlich am Auto orientieren und nicht an den Bedürfnissen der Menschen. Der New Urbanism versucht ja gerade, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Stadtplanung zu stellen – eigentlich eine durchaus noble Zielsetzung.
Florida Sun: Schon richtig, aber das Unbehagen richtet sich vor allem gegen die als extrem empfundene Bevormundung und Reglementierung in solchen Gemeinden, was schon bei der Gestaltung des Hauses anfängt.










