01. 07. 2008
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Lifestyle

Drachenfliegen lernen in Florida

»Unsagbar furchtbar und unsagbar faszinierend zugleich.« So das Fazit der Florida Sun Autorin nach einem Tandem-Flug am Lenkdrachen auf der weltberühmten Wallaby Ranch in der Nähe von Orlando. Notizen eines Nervenkitzels.

Autor: Alexandra Bülow

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Ich muss völlig verrückt sein. Das bisschen Stoff, die schmalen Gürtchen sollen mich halten, wenn ich mit einem Fluglehrer bei meinem ersten Flug mit einem Drachen hinauf in den Himmel steige? Eben bin ich in einen schwarzen, robusten Stoffsack mit Öffnungen für Arme und Beine geklettert, jetzt schnürt mir ein netter junger Mann unzählige Gurte um Arme und Brust und setzt mir einen Helm auf den Kopf. Vier andere sind bereits vor mir in dieses lustige Säckchen geschnürt worden, das mit dem Drachen verbunden ist, ein paar Runden durch die Luft geglitten und sowohl mit heilen Knochen als auch mit einem begeisterten Grinsen im Gesicht wieder gelandet. Außerdem steht neben mir Malcolm Jones, ein erfahrener Tandem-Drachenflieger. Der Maestro, in Boxershorts und T-Shirt, klopft lustige Sprüche. Ich werde lockerer und bin neugierig, was mich erwartet.

Dann lege ich mich in meinem Säckchen bäuchlings auf den Grasboden, Malcolm liegt rechts neben mir. Meine Arme sind nach vorn ausgestreckt, die Hände halten sich an einer glänzenden Stange fest, die über uns wie eine Triangel zusammen läuft und den Drachen hält. Malcolms linker Arm ist über mich gelegt, seine linke Hand liegt neben meiner Linken auf der Stange. Vor uns geht ein spezielles ultraleichtes Flugzeug (»Aerotug«) in Stellung. Kein Berg ist nötig, um uns in die Lüfte zu schwingen. Das übernimmt das Flugzeug, das mit einem robusten Seil mit dem Drachenflieger verbunden ist. Während ich im Gras liege und sinniere, rattert das Flugzeug los - mit Malcolm und mir im Schlepptau. Rechts und links an der Alustange sind Räder angebracht, die jetzt eifrig über die lange Strecke poltern. Ich starre nach vorn, der ganze Körper ist angespannt wie ein Flitzebogen, wir werden ordentlich durchgeschüttelt. Es sind nur Sekunden, die der Drachenflieger braucht, um mithilfe des vor ihm sausenden Flugzeugs richtig Fahrt aufzunehmen.

Aber mir kommt es viel länger vor. Keine Zeit zum Grübeln, auf einmal hebt das Flugzeug vor uns ab. Und wir wenige Sekunden später auch. Das Seil weht im Wind, es geht stetig hinauf, und ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. Es ist unsagbar furchtbar und unsagbar faszinierend zugleich. Der Drachen schaukelt, wenn der Wind unter ihn greift. Meine Finger krallen sich um die Alustange. Malcolm grinst. Und ruft mir zu, ich sollte lockerer zugreifen, er könne sonst nicht gut lenken. Nein, mein Freund, diese Stange ist das Einzige, was mich daran hindert, wie ein Stein zu Boden zu plumpsen, wenn die Gurte nachgeben und der schwarze Sack, in dem ich hänge, abreißt. Welch naiver Gedanke...Um mich abzulenken, schaue ich mutig hinunter. Die Bäume der um die Wallaby Ranch liegenden Wälder werden immer kleiner, die Kronen einiger Bäume sind rot gefärbt und wirken wie winzige Farbtupfer im grünen Allerlei. Die Hütten der Ranch sehen aus wie Spielzeug. Der Flugwind weht mir kühl und kräftig ins Gesicht, die Augen tränen.

Das Flugzeug vor uns knattert, bis es uns in die richtige Höhe gebracht hat. Jetzt übernimmt die Thermik und reicht uns durch die Luft. Es wird still. Malcolm lacht und ruft: »Do you like it?« Ganz ehrlich? Nein. Die Aussicht von hier oben ist sensationell, die Ruhe salbt die Seele, das Gefühl signalisiert Vogelfreiheit. Aber ich fühle mich unsicher und kann nur schwer damit umgehen, dass der Drachen immer wieder wippt und schaukelt. Ich möchte wieder hinunter. Und ich bin dankbar, dass Malcolm nicht versucht, mich zu überreden. Er lenkt den Drachen prompt in eine Kurve in Richtung Piste, es geht nur leicht hinab. Doch mich packt plötzlich die Panik. Es fühlt sich an wie in den Albträumen, wenn man glaubt zu fallen. Mein Mund öffnet sich zum Schrei, heraus kommt aber nur ein ulkiges Grunzen. Es geht nun vorsichtig, aber schnell hinab auf die Graspiste, der Drachen setzt sanft auf und kommt zum Stehen. Malcolm sieht mich überrascht an. Ich sei wirklich die Erste, die nicht juchzend bat, noch länger Kreise durch die Luft zu ziehen.

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