Unser Pilot erklärt uns noch einmal die Kontrollen der Diamond DA42 Twin Star, dann geben wir per Funk dem Tower Bescheid und rollen Richtung Startbahn. Sechs Maschinen haben sich vor uns aufgereiht, es ist ein betriebsamer Nachmittag hier am Naples Municipal Airport. Der kleine Flughafen am Golf von Mexiko gehört zu den verkehrsreichsten in ganz Florida – was allerdings vor allem daran liegt, dass hier keine großen Passagiermaschinen abheben, sondern zumeist die Privatjets wohlhabender Manager oder VIPs, die mal eben für ein Wochenende von Chicago oder New York aus nach Naples kommen, um ihre Villa zu besuchen und in der warmen Wintersonne ein bisschen Golf zu spielen.
»Da drüben die beiden Jets – die kosten jeweils so um die 30 Millionen Dollar«, ruft Carsten Sturm über das Mikrofon in unsere Kopfhörer. Die luxuriösen Privatflieger wären uns zwischen all den anderen Gulfstreams, Embrears und Learjets gar nicht aufgefallen ... Sturm richtet das Flugzeug aus, wir stehen jetzt am Anfang der Startbahn. Nun gibt er Vollgas und wartet, bis der viersitzige Vogel rund 55 Knoten macht. Dann zieht er den Steuerknüppel sanft zu sich – wir heben ab. Die Landebahn verschwindet unter uns, die Diamond gewinnt schnell an Höhe. Anders als erwartet scheinen die Fliehkräfte in diesem relativ kleinen Hüpfer fast geringer zu sein als in einer großen Passagiermaschine. Und auch die Vibrationen der zwei Turbodieselmotoren halten sich in Grenzen.
Komfortabel gleiten wir über die gepflegten Häuser und verzweigten Kanäle von Naples hinweg. Über Bordfunk erklärt unser Pilot einige technische Details, wir steigen auf über 3000 Fuß. Unter uns liegen direkt am Strand die Appartementkomplexe von Pelican Bay, links erstrecken sich der Gordon River und die zahlreichen Buchten und Seitenarme von Port Royal. Anschließend geht es über die weißen Strände und die üppig wuchernden Mangrovenwälder von Keewaydin Island hinweg. Am Horizont türmen sich große Wolken in den Himmel. Nach einigen Runden über Marco Island und einem etwas ruckeligen Abstecher in einen Wolkenturm (»wir wollen mal sehen, welche Auswirkungen so ein bisschen Wasserdampf auf ein Kleinflugzeug hat«), fliegen wir zurück zum Heimatflughafen. Wir funken den Tower an, um unsere Landeerlaubnis zu erhalten.
»Roger, N124TS is cleared to land.« Behutsam senkt Carsten Sturm das Flugzeug ab und steuert auf die Runway zu. Die Sonne geht gerade am Horizont unter, als wir sanft auf dem Asphalt aufsetzen. Ein herrlicher Flug – und wäre es nicht schon so furchtbar abgegriffen, man würde Reinhard May Recht geben wollen, als er einst von jener grenzenlosen Freiheit schwärmte, die er irgendwo »über den Wolken« vermutete ... Auch Carsten Sturm hat diesen Traum geträumt. Damals, als er sich in Deutschland als junger Mann für die Luftwaffe verpflichtete. Später wechselte er vom Pilotensitz in den Managementsessel, arbeitete einige Jahre lang bei internationalen Konzernen.
Doch die Sehnsucht nach einem Leben mit und für die Fliegerei blieb. Und wohl auch ein Stück Fernweh. Denn im Jahre 2000 entschieden sich Sturm und seine Ehefrau Bettina, nach Florida überzusiedeln. »Wir waren unsere Karrierezwänge – meine Frau arbeitete damals für einen internationalen Musikkonzern – einfach leid«, erinnert sich Sturm. Florida hatte die beiden schon seit Langem angezogen. Und was zunächst gar nicht geplant war, ergab sich nach einiger Zeit so zufällig wie zwangsläufig: Carsten und Bettina übernahmen eine von einem Deutschen geführte Flugschule in Naples – die Geburtsstunde von EAA Europe-American Aviation. Eine schwere Geburt freilich:
»Eine Woche nach unserer Eröffnung passierten die furchtbaren Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon«, erinnert sich der Unternehmenschef immer noch mit Grauen. »Für Wochen war der Ausbildungsbetrieb behördlicherseits auf Eis gelegt.« Doch EAA erholt sich rasch vom Anfangsschock. Schnell spricht sich rum, mit welch deutscher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit Sturm und seine Fluglehrer hier die Ausbildung durchführen. Und auch, dass hier längst nicht mehr mit alten und klapprigen Cessnas geflogen wird, sondern mit modernem Fluggerät der Marke Diamond. EAA und Diamond Aircraft, weltweit der zweitgrößte Hersteller von zwei- und viersitzigen Flugzeugen mit Sitz in Österreich, sind dabei eine strategische Partnerschaft eingegangen.







