01. 10. 2015
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Lifestyle

Wynwood: Szeneviertel als Investmentchance

Gentrifizierung auf floridianisch: Aus dem früher heruntergekommenen Viertel Wynwood ist einer der Hot Spots für Kunst in Miami geworden. Und nicht nur das: Mit schicken Galerien, Cafés, Boutiquen, Bars und Lofts gilt der Stadtteil inzwischen als Trendquartier schlechthin. Mittendrin im hippen Getümmel: unser Autor Robert Ziehm. Als Immobilienprofi war und ist er aktiv an der urbanen Metamorphose beteiligt. Für uns beschreibt er die Wiederauferstehung Wynwoods aus seiner Sicht.

Autor: Robert Ziehm und Stefan Franke

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Raubeinige Gesellen, die sich wegen ein paar Gramm Gold an die Gurgel gehen. Schweißtriefende Kerle, ihr Blick starr vor Gier, die auf den nächsten erlösenden Fund harren. Das war früher. Heutzutage heißen Claims »Grundstücke«. Und die schmutzigen Schürfer von einst sind smarten Investoren, Maklern und Immobilienhändlern gewichen, die ohne einen Hauch von Dreck unter den Nägeln das große Geschäft machen.

Zuletzt im Visier der modernen Goldgräber: Miamis neuer Trendstadtteil Wynwood. Ursprünglich die Heimat von Unternehmen wie Coca-Cola, American Bakeries Company und der Bekleidungsindustrie, wies Wynwood schon immer einen eher industriellen Charakter auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen viele der hiesigen Bewohner in neue, weniger von Fabriken verunstaltete Stadtteile. Durch den Zuzug von Einwanderern aus Puerto Rico entstand »Little San Juan«, später folgten Kubaner, Haitianer, Kolumbianer und andere. In den 1970er-Jahren lag die Arbeitslosigkeit hier bei über 50 Prozent, Drogendelikte nahmen überhand, Wynwood war »Loserwood«. Ein Stadtteil, aus dem man einfach nur weg wollte.

Die Initialzündung für die Renaissance von Wynwood war der Einzug eines Künstlerkollektivs um Helene Pancoast in die leer stehenden Firmengebäude der Flowers Baking Company (vormals American Bakeries) Ende der 1980er-Jahre. Das erklärte Ziel war die Schaffung von günstigem Wohnraum und Ateliers für klamme Kreative. Pioniere wie Mark Coetzee, Nina Arias und Nick Cindric siedelten sich an und ließen den Wynwood Art District langsam en vogue werden. Den wohl wichtigsten Impuls aber lieferte Tony Goldman durch den gezielten Kauf ehemaliger Lagerhallen zwecks Umfunktionierung in Freiräume für kreative Köpfe: Die »Wynwood Walls« waren geboren. Goldmans Vision eines hippen, lebendigen und hochattraktiven Künstlerbezirks wurde Realität und verlieh Wynwood ein neues Gesicht mit schicken Clubs, Galerien, Restaurants und Shops. Das einstige »Loserwood« avancierte zu einem der angesagtesten Viertel Miamis, jeder Block wurde zum visuellen Abenteuer.

Die Magie Wynwoods ist sichtbar an jeder Straßenecke. Vorangetrieben durch eine Vielzahl von Initiativen wie »Primary Flight«, die als erste ab 2007 einen kompletten Stadtteil durch Street-Art neu gestalten ließ, fanden populäre Graffiti-Künstler wie Os Gêmeos, Kenny Scharf, Ryan McGinness, Jay Shogo, Futura, Shepard Fairey und Jona Cerwinske ihren Weg nach Wynwood. Sie verwandelten das einstige »Schmuddelkind« innerhalb weniger Jahre in einen international gefeierten Szeneschmelztiegel. Farbenfroh, unkonventionell, aufregend präsentiert sich die Graffiti-Kunst, die zu ausgedehnten Streifzügen durch das Viertel einlädt. Gemütliche Cafés und Bars erlauben dabei Erholungspausen vom Dauerstaunen. Und Clubs wie das Bardot, das Indie-Electro-Paradies The Electric Pickle und viele andere interessante Orte sorgen dafür, dass auch das Nachtleben alles andere als langweilig ist.

David Lombardi schuf ab den frühen 2000er-Jahren kompakte Live-Work-Lofts, die jungen Künstlern und Start-ups Arbeits- und Lebensraum boten. Auch der israelische Investor Moishe Mana erkannte die Möglichkeiten für eigene Neugestaltungspläne und ist heute größter Immobilienbesitzer Wynwoods mit 40 Gebäuden und mehr als 12 Hektar Grundfläche. Für einen Immobilien-Verrückten wie mich, der ich das Vergnügen habe, ihn mit meiner
Firma Sterling Equity Realty bei vielen Projekten zu begleiten, gibt es momentan sicherlich keinen aufregenderen Ort als diesen!

Für die alteingesessene Bevölkerung des Stadtteils wird die Luft durch steigende
Mieten indessen zusehends dünner, während sich die Möglichkeiten dank des neuen »Neighborhood Revitalization District«-Plans für moderne Goldgräber immens verbessern. Ziel ist es, den Kontrast zwischen Industrie und Kultur beizubehalten und Bauherren mit vielfältigeren Nutzungsmöglichkeiten anzulocken. Dazu änderte die Stadt Miami zuletzt ihre Bebauungsvorschriften, um zum Beispiel mehr Hotels in Wynwood entstehen zu lassen und so den anschwellenden Besucherstrom aus der ganzen Welt beherbergen zu können.

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