Der Tipp kam von einem Freund: »Wenn Ihr in Orlando seid, macht nicht nur Disney oder Universal, besucht auch einen Wasserpark! Und Ihr fühlt Euch wie neugeboren!« Wir, zwei Herren mittleren Alters, deutsches Freibad gewohnt, dachten bis dato, dieser Spaß sei nur etwas für Kinder und Jugendliche. Mitnichten! Ein Tag in »Wet ‘n Wild« in Orlando und die alltägliche Knittrigkeit bekommt überschaubare Bügelfalten! Etwas skeptisch setzten wir also diesen Punkt auf unser Programm: gut ausgeschildert, großer Parkplatz, an der Kasse bekommt man zu den Tickets Handtücher und ein Schließfach für die Wertsachen. Erste Orientierung – wir besetzen schüchtern zwei Liegestühle an der »Surf Lagoon«, einem Wellenbad, das im Zehn-Minuten-Rhythmus mal mehr, mal weniger heftig aufsprudelt. Bauch eingezogen und zaghaft hinein: Das Wasser ist wohltemperiert – ein Segen, denn es gibt einige dicke Wolken und etwas Wind. Wellen rollen heran – sehr angenehm, kein Salzwasser, keine Quallen, keine scharfen Muschelschalen unter den Füßen. Die Kinder quieken, Lifeguards schauen kritisch und jagen die allzu Vorwitzigen hinter eine rote Linie. In der Hochsaison arbeiten hier bis zu 400 junge Leute, die für die Sicherheit verantwortlich sind.
Der erste Schritt ist geschafft, jetzt geht es gut abgekühlt und nass viele Treppen hinauf: »Mach 5« – über 60 Meter hoch. Ein wunderbarer Ausblick über den Park bis hin zu den Universal-Studios. Auf einer Schaumgummimatte stürzen wir uns kopfüber eine der drei Röhren hinunter. Ganz schön schnell (Insider-Tipp: Noch schneller geht es, wenn man die Ellbogen auf die Matte stützt)! Gleich noch einmal, auch wenn es oben etwas zugig ist, durch den vielstufigen Aufstieg ist man aufgewärmt. Neue Röhre, neues Glück – die anfänglichen Hemmungen sind überwunden, das kindliche »Wasserpark-Virus« beginnt zu wirken. »Disco H2O« ist gerade frei, also hinauf! Auf einen Reifen passen bis zu fünf Personen. Zu Classic-Disco-Hits aus den Siebzigern jagen wir steil hinab in eine Art Schnecke, in der man ordentlich durchgerüttelt wird – natürlich unter Blitzen und Disco-Lights. Daneben »The Black Hole« – zu zweit rasen wir durch die Dunkelheit, immer mit dem Gefühl, in der nächsten Kurve garantiert vom Gummikissen geworfen zu werden. Mittlerweile ist unsere seriöse verbale Zurückhaltung dem Geschwindigkeitsrausch geopfert worden: Wir kreischen wie 15-jährige Teenies. Deshalb her mit den aufgeblasenen Reifen und »The Surge«, »Bubba Tub« oder »The Flyer« hinunter oder ganz relaxed auf dem »Lazy River«. Die Sonne kommt heraus, etwas atemlos pausieren die Herren mittleren Alters auf ihren Liegestühlen, versuchen gegen die recht laute Gute-Laune-Musik anzulesen – immer im Bewusstsein, dass über ihren Köpfen noch zwei Attraktionen thronen, die alles andere als harmlos wirken: »Der Stuka« und »The Bomb Bay«. 75 Meter hohe Rutschen! Bei Ersterer muss man sich überwinden und freiwillig ins Nichts stürzen, bei »The Bomb Bay« wird man überwunden: Der Gast steigt in eine Art Bombe, die verschlossen wird, und der betreuende Security-Guard löst einen Mechanismus aus, der urplötzlich den Boden unter den Füßen verschwinden lässt. Seltsamerweise sind diese beiden Rutschen nicht so frequentiert wie andere – das gibt uns zu denken! Egal, neue Runde, neuer Spaß! Wellenbad, Disco, schwarzes Loch, schnell rauf, schnell runter, viel schaffen! Doch die Entscheidung ist nur aufgeschoben: Müssen die Rutschen des Schreckens heute auf deutsche Gäste verzichten oder nicht?
Zeit zum Nachdenken im »Lazy River« – dann die Lösung: Einer der deutschen Herren mittleren Alters wird unten am Fuß der Rutsche dem Schauspiel beiwohnen, der andere wird sich wohl opfern müssen. Der Aufstieg, lang und schwer, kein Blick für die schöne Aussicht. Einige Fachfragen an die Security-Dame neben den Rutschen, es soll »Der Stuka« sein, denn der Zeitpunkt der Hingabe muss schon selbst gewählt werden. Ein vorsichtiges Heranrobben, die nette Dame kann auch nicht mehr helfen, es ist ein einziger Abgrund – niemals wird die schmale Spur der Rutsche den nicht so schmalen deutschen Körper halten, aber ein Zurück ist unmöglich, weiterrobben, dann der Moment X: Beine verschränkt, Hände über die Brust und ab! Keine Achterbahn schafft dieses Magengefühl, kein Sprung vom Zehner dauert so ewig lang, Ohnmacht so nah! Voller Anerkennung der Kommentar: »Boah, Du bist fast über das Ziel hinausgeschossen – und was für eine Flutwelle! War’s schön?« Taumelnd die Antwort: »Nie wieder! Mir tut alles weh! Ich kann gar nicht verstehen, dass diese jungen Dinger immer wieder raufrennen und sich runterstürzen!« Als Belohnung ein Eishörnchen – so amerikanisch groß, dass zwei hungrige Deutsche problemlos davon satt werden. Und dabei kein schlechtes Kaloriengewissen haben müssen, denn die vielen Stufen, die heute im Laufschritt geschafft wurden, ersetzen gut und gern eine Stunde joggen. Ganz zu schweigen von dem der Urschrei-Therapie ähnlichen Gekreische, dem Spaß der Rutscherei und dem alles überlagernden Grundgefühl: So war er mal, der große, aufregende, warme Kindersommer! Und in dem gibt es einfach keinen Platz für Falten!







