Muskelkater vom Wandern in Florida? Doch, das kann vorkommen. Wenn man als flachlandgewohnter Einheimischer nämlich ein paar Tage im Torreya State Park im Nordwesten des Landes, dem Panhandle, verbringt, wo einem die steilsten Steigungen begegnen, die Floridas Wanderwege zu bieten haben. Und wo den Besucher eine abgeschiedene und vielfältige Naturlandschaft erwartet, wie sie in Florida kein zweites Mal anzutreffen ist.
Geprägt wird dieser faszinierende State Park vom breiten Apalachicola River, der sich hier tief ins Land eingegraben hat. So befindet man sich bei Wanderungen im Park oft auf einem gut 50 Meter hohen Steilufer, von wo aus man einen unvergleichlichen Ausblick auf das Flusstal mit seiner fast endlosen, baumbestandenen Weite erleben kann. »Fast wie am Amazonas!«, so der beeindruckte Kommentar einer Camperin, die von den Nebelschwaden am frühen Morgen fasziniert ist, die geruhsam zwischen den Bäumen aufsteigen. Nichts als Grün, so weit das Auge blicken kann.
Grasende Rehe zwischen den Zelten sind keine Seltenheit hier. Ebenso wie die tiefe Stille, die nur vom Rauschen der Kiefern und dem Zwitschern der Vögel im Frühjahr sanft unterbrochen wird – einer der wenigen Orte in Florida, wo kein Autogeräusch die Ruhe der Natur stört. Lust aufs Campen, aber keine Zeltausrüstung dabei? Macht nichts, denn Torreya hat etwas Besseres zu bieten: eine Neuauflage der traditionellen »Jurte«. Das ist eine zeltähnliche Konstruktion, die den mongolischen Nomaden vor hunderten von Jahren als Wohnbehausung diente.
Die Grundidee ist auch heute noch dieselbe: Ein rundes Holzflechtwerk wird mit einer schützenden Filzhülle überzogen. Statt der offenen Feuerstelle mit Abzugsloch gibt es in der zeitgenössischen Version des Mongolenzelts eine Plexiglaskuppel, die Licht hereinlässt und nächtliches Sternegucken erlaubt. Der Komfort, den die Jurte bietet, geht weit übers Zelten hinaus: Betten für fünf Personen, Tisch und Stühle, eine Kommode – plus Stromanschluss und Klimaanlage je nach Bedarf zum Kühlen oder Heizen. Im Außenbereich findet man ein geräumiges Holzdeck sowie eine Feuerstelle und Picknicktisch. Das Waschhaus wird traditionell mit den anderen Campern geteilt.
»Die Jurte ist eine tolle Alternative zum Zelten«, berichtet ein begeisterter Besucher, »man ist draußen, aber dennoch völlig geschützt vor den Launen der Natur und hat außerdem wesentlich mehr Komfort.« Und das alles für nur 30 Dollar die Nacht. Kein Wunder, dass man im Park darüber nachdenkt, weitere Wohnzelte zu errichten. Die Wandermöglichkeiten gehören freilich zu den Hauptanziehungspunkten. Der elf Kilometer lange Hauptweg schlängelt sich wie ein Lindwurm über viele kurze, steile Steigungen hinweg durch verschiedenste Lebensräume. Mal hoch oben durch sonnendurchflutete Kiefernwälder, mal in dämmriges Grün gehüllt entlang sumpfiger Auen. Jeder Abschnitt ist neu, anders, berauschend – zu jeder Jahreszeit, jedoch vor allem im Frühling, wenn das junge Grün überall mit Macht hervorsprießt. Vom Spätherbst, wenn die zahlreichen Laubbäume ihr buntes Herbstkleid anlegen, bis zum Winterende ist die beste Wanderzeit. Weil es kühler ist und sich die Mückenplage in Grenzen hält. Erst kürzlich hat der Park seine Fläche auf 6800 Hektar fast verdoppelt; ein neuer, etwa elf Kilometer langer Rundwanderweg wurde gebaut. Benannt wurde der Park nach dem Torreya-Baum, einem Verwandten der Eibe, der nur in diesem Landstrich vorkommt und in den sechziger Jahren beinahe von einer mysteriösen Krankheit ausgerottet worden ist. Nur einige wenige Exemplare haben bis heute überlebt. Übrigens ist Torreya einer der ältesten State Parks Floridas. In den dreißiger Jahren wurde er vom »Civilian Conservation Corps« – einem Arbeitsdienst im Sachen Naturschutz – angelegt.





