Ich gehöre zu den Menschen, die es in jeder größeren Stadt gleich als erstes in den botanischen Garten zieht. Denn dort warten nicht nur zahlreiche Highlights für Pflanzenfreunde, sondern meist auch ein gut gehütetes Geheimnis: eine Tür in die Tropen. Für Mitteleuropäer mit einem unerfüllten Drang nach exotischen Gefilden bieten die feuchtwarmen Refugien der Gewächshäuser die einmalige Gelegenheit, auf virtuelle Reisen zu gehen. Die fantastischen Formen und Farben der tropischen Pflanzenvielfalt, das lebenssprühende Durcheinander – all dies kann man dort zum greifen nah erleben. Zumindest, bis man wieder aus der Tür hinaus in die kalte Realität tritt.
Deshalb ist Florida solch ein wunderbarer Ort für Menschen mit tropischen Gelüsten: Die Natur ist immer da. Keiner kann sich hier dem Charme der grünen, satten Üppigkeit entziehen welche einem überall entgegen strotzt: in privaten Gärten, auf öffentlichen Plätzen, in zahlreichen Parks. Wer bereit ist, sich dem "Abenteuer Tropen" hinzugeben, der kommt um eine Adresse nicht herum: Fairchild Tropical Botanic Garden, eine ausgedehnte Anlage mitten in Coral Gables, südlich von Miami.
Dieser alteingesessene botanische Garten von Weltruf bringt nicht nur Ordnung in die Pflanzenvielfalt Floridas, er ist auch ein Meisterwerk in Sachen Landschaftsarchitektur. Hier wird die Natur mit all ihren wundersamen Kreationen ins Rampenlicht gerückt – ganz ohne Special Effects.
Botanische Wunderwelt
Wenn sich das schmiedeeiserne Tor öffnet, dann tritt man hinein in einen Garten Eden voller Wunder: Riesige Palmen mit Stämmen wie antike Säulen, Bambushaine mit armdicken Sprossen, dornenbewehrte Baumstämme aus denen fantasievolle Blüten hervorsprießen. Da ist der "Sausage Tree", dessen Früchte wie pralle Würste an langen Stielen herab hängen. Die "Traveller’s Palm", deren fächerförmiger Wuchs dafür sorgt, dass in den Blattachsen stets frisches Wasser auf müde Wanderer wartet. Oder eine Kollektion tropischer Obstbäume, deren Namen – geschweige denn die köstlichen Früchte – die wenigsten kennen. Man braucht kein Pflanzennarr zu sein, um sich von dem Zauber dieser gezähmten Wildnis fesseln zu lassen. Das geschieht ganz von selbst, während man durch die weitläufige Anlage schreitet.
Dabei wechselt die Szenerie zwischen lauschigen Ecken, durchzogen von gewundenen Pfaden, und imposant inszenierten Ausblicken, wie etwa dem Bailey Palm Glade, einer majestätischen Palmenallee. Immer wieder sorgt die Gruppierung der Pflanzen für ein sagenhaftes Feuerwerk an Farben und Mustern, so dass man sich manchmal gar fragt: "Ist das echt?!" Jedoch, von ungefähr kommt diese Anordnung nicht. Hinter der scheinbar natürlichen Schönheit des Gartens liegt eine sorgfältig durchdachte Mischung aus Wissenschaft und Kunst. Er wurde von einem der bekanntesten amerikanischen Landschaftsarchitekten des letzten Jahrhunderts angelegt, William Lyman Phillips. Phillips zeichnet sich in Florida auch für den historischen Bok Tower Garden in Lake Wales verantwortlich, sowie den launigen McKee Garden in Vero Beach.
Fairchild Garden entstand im Jahre 1938, zu einer Zeit als solche Parks nicht nur als Standort für die umfangreichen botanischen Sammlungen ihrer Gründer dienten, sondern gleichzeitig auch als ein Refugium für Seele und Geist betrachtet wurden, ein Ort der Ästhetik. Es ist ein Leichtes, inmitten des pulsierenden Lebens der Großstadt Miami hier für einen Tag in eine völlig andere, organische Welt abzutauchen.
Mit allen Sinnen die Tropen erleben
Für diejenigen, die gerne mehr über diese verheißungsvolle Tropenfülle erfahren möchten, hält Fairchild Garden eine Menge bereit. Schließlich ist ihre Mission als botanischer Garten in erster Linie die Sammlung und wissenschaftliche Forschung der verschiedensten Spezies. Jedoch geht darin Hand in Hand immer auch die Öffentlichkeitsbildung – und darin ist Fairchild Garden ebenfalls ganz groß. So kann man sich zum einen an den vielen Schildern satt lesen, wobei man manch’ interessante Einzelheit erfährt. Wussten Sie etwa, dass der weiße, zähflüssige Saft des "Sapodilla" Baums (Manilkara sapota) – Chicle genannt – die Grundlage für die Kaugummiherstellung ist? Oder dass der größte Samen der Welt von einer Palme stammt, Lodoicea maldivica aus den Seychellen, und bis zu 20 kg wiegen kann?






