Pflastermüde? Großstadtmüde? Reif für die Inseln? Genau das ist es! Ich muss raus aus dieser Millionenstadt mit ihrem hektischen Treiben, den Partys und dem Stress. Und die ländliche Idylle ist nicht weit. Ich fahre gen Süden, am Flughafen von Miami vorbei auf den letzten paar Meilen des Florida Turnpikes. Dort, wo er endet, wird es schon gemächlicher. Schon Entspannung. Ich biege von der US 1 auf die Krome Avenue ab und fahre ein kleines Stück nördlich durch Homestead und dann irgendwann nach links, bis ich nach ein paar Tomatenfeldern zur 344. Straße komme. Genau diese Ecke ist mein erstes Ziel – Robert’s Fruit Stand. Seit 1960 gibt es diese Schatten spendende Oase voller Erfrischungen – tropische Milchshakes, organisch angebautes Gemüse und Früchte, von denen ich nie vorher gehört habe.
»Robert Is Here« sagt ein großes Schild, das zum ersten Mal 1959 aufgehängt wurde, als der Bursche gerade sechs Jahre alt war und sein Vater ihn an diese Ecke setzte, um Gurken zu verkaufen. Als er am Abend mit all seinem Gemüse und ohne einen Pfennig in der Kasse nach Hause kam, schlussfolgerte der Vater, dass man den Kleinen wohl nicht sehen kann. Das Schild wirkte Wunder – und eine Familientradition war geboren. Ich fahre zurück auf die US 1, und sobald ich Florida City verlasse, fangen die Keys an. Woher ich das weiß? Ich sehe es am Milemarker 127 auf dem Overseas Highway, wie die Straße von nun an heißt. Eigentlich beginnen die Keys ja schon südlich von Downtown Miami, nämlich mit der nördlichsten Insel der Florida Keys: Key Biscayne.
Aber wir wollen nicht pingelig sein: Von 127 bis 0 (Milemarker 0 in Key West) werden die Meilen und Adressen in den Florida Keys heute angegeben. Aber nicht nur diese Maße sind in den Keys anders als anderswo: hier gibt es auch eine andere Zeitrechnung, denn niemand scheint in Eile zu sein. Selbst die Straßenschilder auf dem Weg nach Key Largo weisen darauf hin: »Patience pays« – Geduld zahlt sich aus, die Überholspur kommt in wenigen Minuten. Am Jewfish Creek überquere ich die erste der 42 Brücken des Overseas Highway, der das Festland Miami mit der südlichsten Stadt der kontinentalen USA, Key West, verbindet. Gebaut wurde die grandiose Inselperlenverbindung zwischen 1935 und 1938, nachdem ein schrecklicher Hurrikan die Eisenbahnbrücken Henry Flaglers aus dem Jahre 1912 fast vollkommen zerstört hatte. An einen Wiederaufbau war finanziell nicht zu denken, also übernahm der Staat die Aufgabe, statt einer neuen Eisenbahnverbindung eine Autostraße zu bauen.
Und genau diese Straße führt nun von einem Key zum anderen, über eine Brücke nach der anderen. Warum eigentlich Key? Heißt das nicht Schlüssel? Eigentlich ja, aber als die Engländer Florida von den Spaniern übernahmen,
wurde so manches spanische Wort falsch ins Englische übersetzt. Aus dem spanischen Cayo (kleine Insel) hat man so einfach Key gemacht. Und aus Cayo Hueso (Knocheninsel) wurde eben Key West. Und irgendwie ist die Tatsache, dass ich mich in Geschichten über Geschichte verliere, wohl schon Zeichen dafür, dass die entspannte Lebensart dieser Gegend mich schon gepackt hat ...
Ich fahre durch Key Largo – Long Key – die längste Insel der Kette. Ein Hinweisschild auf den John Pennekamp State Park lässt mich meinen Blinker nach links setzen. Ich habe Glück – um 12.15 sticht die Spirit Of Pennekamp, ein über 30 Meter langer Katamaran mit Glasboden für zweieinhalb Stunden in See. Wohin es geht? Zum größten lebenden Korallenriff der USA und dem drittgrößten der Welt, etwa 350 Kilometer lang von Miami bis zu den Dry Tortugas. Herrlichste Korallenformationen, die farbenprächtigsten
Fische – hier soll es allein 260 verschiedene Arten davon geben. Beim nächsten Mal, so nehme ich mir vor, will ich auf einer Schnorcheltour diesen Schönheiten noch etwas näher sein.







