01. 10. 2006
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Reisen

Historisches Pflaster St. Augustine

Konquistadoren, Geisterhäuser und die "Roaring Twenties": Nirgendwo sonst in Florida kann man so stilvoll in Geschichten und Geschichte abtauchen wie in St. Augustine. Chronik einer Stippvisite.

Autor: Dirk Rheker

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Ein entsetzter Schrei schallt durch die laue Sommernacht. Für die ältere Dame neben mir war die Geschichte offenbar zuviel. Sie greift zum Taschentuch, wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Arme Lily, heute wäre so etwas Gott sei Dank wohl nicht mehr möglich!" Wir stehen vor dem St. Francis Inn, 279 St. George Street. Historischer Ort. Wunderschönes Haus. Doch mit übersinnlichen Mucken. Sagt man jedenfalls.

Auch Bernadette sagt das. Am Tage studiert sie am örtlichen Flagler College. Nach Einbruch der Dunkelheit ist sie als Angestellte der "Ghost Tours ofSt. Augustine" für die dunkle Seite des Ortes zuständig. Und sie erzählt: Der Francis Inn wurde 1791 gebaut, irgendwann Mitte des 19. Jahrhundert verliebte sich der Neffe des Besitzers, der zu Besuch nach St. Augustine weilte, in eine schwarze Hausangestellte, eben jene besagte Lily. Ein Skandal.

Als die Familie herausfand, dass Lily schwanger war, wurde sie mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt. Der junge Mann verfiel daraufhin in tiefe Verzweifelung. Nahm sich einen Strick und erhängte sich auf dem Dachboden. Zu groß die Liebe. Seither passieren merkwürdige Dinge in dem Haus. Besonders in stürmischen Sommernächten sollen Gäste auf den Fluren flüsternde Stimmen vernehmen. Und jämmerliches Wimmern. Türen und Schränke öffnen und schließen sich, ohne dass sie jemand berührt hätte. Bücher fallen aus dem Regal. Und gelegentlich soll der vorbeihuschende Schatten einer schwarzen jungen Frau zu sehen sein, die weinend nach ihrem Liebsten sucht.

"Wenn Sie mutig sind, können Sie heute in Lilys Zimmer übernachten", sagt Bernadette im flackernden Scheine ihrer Öllampe. Nein Danke! Denn obwohl wir gewöhnlich immun sind gegen derlei Spökenkiekerei, muss man das Schicksal ja nicht herausfordern. Eine geruhsame Nacht ohne Zähneklappern ist uns allemal lieber als vorbeihuschende Gespenster. Haben wir in unseren zwei Tagen hier in St. Augustine schließlich ein dichtgedrängtes Programm. "History Channel" vor Ort, sozusagen.

Die älteste von Europäern besiedelte Stadt der USA steckt schließlich voller Geschichte und Geschichten, die es zu entdecken gilt. Gleich am nächsten Morgen also los. Auf historischen Pfaden. Wir marschieren über das alte Kopfsteinpflaster der Altstadt entlang der St. George Street. Riesige Eichen umringen das Viertel, das süssliche Parfüm von Magnolien liegt in der Luft. Ein bisschen Freilichtmuseum, ein bisschen Drosselgasse. Wir machen Halt im Spanish Quarter Village.

Das kleine historische Museum ist 18. Jahrhundert pur. Sieben Gebäude zeigen die Lebens- und Arbeitsbedingungen von damals. (29 St. George St., Offen von 9 bis 18 Uhr, Wochenende von 9 Uhr bis 21 Uhr). Mitarbeiter in historischen Kostümen geben Handwerksvorführungen. Irgendwann fängt es wie aus Eimern an zu schütten. Wir stellen uns beim Kalligraphen unter, der mit bewundernswerter Ruhe in eleganten Schwüngen unsere Namen auf Büttenpapier zaubert.

Als die Wolken sich verzogen haben, kommen wir mit dem rundlichen Tischler mit Nickelbrille ins Gespräch. "Aha, aus Deutschland stammen Sie?", fragt er uns. Und hält uns einen halbstündigen Vortrag über deutsche Einwanderer im 19. Jahrhundert. Weil er mal Geschichtslehrer war. Oben in Ohio. Weiter zum Castillo de San Marcos. Erbaut 1672 bis 1695 aus Coquina-Kalkstein und mit vier Meter dicken Wänden. Zur Sicherung der Schifffahrtsroute von Havanna nach Spanien. Über zwei Zugbrücken erreichen wir den Haupteingang, der in einen Innenhof mündet. Eine Treppe führt hinauf auf das Kanonendeck: Mehr als 60 Kanonen und ein schöner Blick auf die Altstadt.

Wir schlendern durch den Innenhof und die vielen Kammern. Angenehm kühl hier. Weil die dicken Mauern an heißen Sommernachmittagen als natürliche Klimaanlage wirken (One South Castillo Drive; Offen von 8.45 bis 16.45 Uhr).

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01. 10. 2006
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