01. 07. 2003
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Reisen

Hurrikan: Eine kurze aber heftige Affäre

Jedes Jahr im Frühling warnen Wissenschaftler und selbsternannte Experten davor, dass dem US-Bundesstaat Florida eine der schlimmsten Hurrikansaisons aller Zeiten bevorsteht. Zum Glück behalten sie meist Unrecht. Schutzlos ausgeliefert ist man den Mega-Stürmen vom Atlantik auf der amerikanischen Halbinsel ohnehin nicht.

Autor: Dirk Rheker

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Gabrielle war eine jener Damen, mit denen nicht zu spaßen ist. Zu unserem Rendezvous am 14. September 2001 kündigte sich die stürmische Lady mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 km/h an. Das National Hurricane Center in Miami – bunkerartig abgeschottet hinter meterdicken Wänden – warnte vor starkem Wind, sintflutartigen Regenfällen und großflächigen Überschwemmungen.

Es schüttete wie aus Eimern, als ich an diesem Abend in einer gigantischen Pfütze vor einer Ampel mitten in Naples stecken blieb. Im Radio berichtete jemand mit aufgeregter Stimme von schweren Sturmschäden auf Kuba. Einheimische und Touristen auf den Keys wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Wegen des befürchteten Verkehrschaos sollte die Evakuierung in Phasen anlaufen. „Wer am Weitesten entfernt ist, fährt als erster“, ordnete eine Behördensprecherin an.

Bloß keine Panik, dachte ich, hatte doch der Tropische Sturm Barry erst im August eine Vollbremsung vor Floridas Westküste hingelegt, ehe er nach Norden abbog, so als wollte er sagen: „Nur ein Scherz!“. Überhaupt: Die Statistik war auf meiner Seite. Generell scheint der Küstenabschnitt von Tampa bis Naples weniger Sturmaktivität zu verzeichnen.

Oder war diesmal doch alles anders? Am nächsten Morgen schien der Regen gleich Kübelweise vom Himmel zu stürzen. Gabrielle war laut Fernsehnachrichten nur 30 Kilometer südlich von Key West. Und tatsächlich verschlimmerte sich das Wetter mit jeder Stunde. Der Wind stürmte, Platzregen ohne Pause und die Strasse vor meinem Haus verwandelte sich in einen Sturzbach. In großer Eile verbarrikadierten manche meiner Nachbarn ihre Häuser, schlossen die Hurrikan-Shutter – und hatten sich im Supermarkt längst mit Notvorräten eingedeckt.

Draußen ließ der Wind nun vereinzelt Äste von den Bäumen krachen. Einige Palmen lagen umgeknickt über der Strasse und blockierten den Verkehr. Aus Minuten wurden Stunden und irgendwann wurde es wieder ruhig da draußen.

Am nächsten Morgen schien es, als wolle die Natur ihre vergrätzte Laune vom Vortag wieder gutmachen – blauer Himmel, strahlender Sonnenschein. In der Nacht war Gabrielle über die Halbinsel auf den Atlantik rausgefegt. In den offiziellen Statistiken konnten wir später lesen, dass an der Westküste stellenweise bis zu 300 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen waren.

Gabrielle war eine kurze, wenn auch heftige Affäre. Doch sah so das Ende der Welt aus, wie mir Berichte über Hurrikans in Florida immer weismachen wollten? Ein stürmisches Inferno, wie ein Fernsehjournalist in gelber Öljacke im vergangenen Jahr so überzeugend ins Mikro gebrüllt hatte? Sicher, zum Baden gegangen wäre ich im Auge des Hurrikans wohl auch nicht. Aber eine Apokalypse konnte ich bei meiner Hurrikan-Taufe nicht ausmachen. Vielleicht habe ich auch nur das Glück, in einem stabilen Steinhaus zu wohnen und nicht in einem jener Häuser ohne Fundament, die noch in den 80er Jahren entgegen allen Bauvorschriften an die Küste geklatscht wurden – gleich neben die „Mobile Homes“ aus Aluminium.

Ihre zerstörerische Kraft schöpfen Hurrikane aus dem Meer. Sobald sich der Atlantische Ozean vor Westafrika auf mehr als 27 Grad erwärmt, verdampft das Wasser, steigt in die Höhe und kondensiert dort zu Regen und Wolken. Die Erdrotation bringt die Wolken zum Drehen. Es bildet sich eine Art Strudel, der immer neue feuchtwarme Luft spiralförmig nach oben saugt. Wie ein gigantischer Staubsauger entzieht der Hurrikan dem Meer täglich bis zu zwei Millionen Tonnen Wasserdampf. Aber: Wissenschaftler können den Weg der Wirbelstürme heute bis auf wenige Kilometer genau vorhersagen. Meine Freunde in San Francisco würden wohl viel dafür geben, wenn ihre Seismologen bei der Prognose von Erdbeben so treffsicher wären.

Warum also die ganze Panik? Wahrscheinlich ist Andrew Schuld. Im Jahr 1992 wütete der Monstersturm südlich von Miami. Die Schäden wurden damals auf 20 Milliarden Dollar geschätzt. Und die Fernsehbilder von obdachlos gewordenen Menschen hat heute noch jeder vor Augen. Aber selbst Andrew hat gezeigt, wie relativ schmal die Schneise der Zerstörung eines Hurrikans ist. Nach außen hin schwächen sich die Kräfte eines Wirbelsturms nämlich rapide ab – die Umgebung wird lediglich zwei Tage lang mit furchtbar schlechtem Wetter bestraft. Andrew richtete deswegen so viel Schaden an, weil er sich zum Landgang eine besonders anfällige Region aussuchte. Einkaufspassagen, Altencamps und Siedlungen in billiger Fertigbauweise standen in seinem Weg.

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