01. 07. 2016
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Reisen

The Villages: Die Boom-Stadt der Rentner

Eine ganze Stadt voller Rentner? In «The Villages» im Herzen Floridas leben fast 120.000 Ruheständler auf einem Areal von der Größe Manhattans. 365 Tage im Jahr spielt man hier mit Inbrunst Golf, sonnt sich, flirtet und tanzt zur Musik der eigenen Jugend – Rock’n’Roll. Und schert sich keinen Deut um Leute, die über diesen Lifestyle nur schmunzeln können.

Autor: Stefanie Boewe

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GOLFMOBILE, wohin das Auge blickt. Zwei, mitunter drei der kleinen Vehikel teilen sich je eine der Autoparkbuchten rund um den Marktplatz am Lake Sumter Landing in The Villages in Zentralflorida. Golfcarts sind in der größten Seniorenwohnanlage der USA das Fortbewegungsmittel Nummer eins, im Schnitt verfügt jeder Haushalt über ein solches Gefährt.

The Villages, gut eine Stunde nordwestlich von Orlando gelegen, ist ein eigenartiger Ort. In den späten 1960er-Jahren nach dem Vorbild von Sun City in Arizona gegründet, bestand die private Seniorenwohnanlage zunächst aus fünf Modellhäusern, die auf billig aufgekauftem Bauland errichtet worden waren. Seit Mitte der 1980er- Jahre wuchs sie immer mehr, machte den Immobilienvisionär Harold Schwartz und seinen Sohn Gary Morse zu Milliardären und besitzt heute mit rund 114.000 Einwohnern die Ausmaße einer Großstadt.

Noch immer ist die Familie Morse als Projektträger tonangebend. Wer hier eine Immobilie erwirbt, muss sich in ein enges Regelkorsett fügen. Doch die zahlreichen Vorschriften, die beispielsweise Fassadenfarben vorgeben und allzu ausgefallene Vorgartendekoration untersagen, schrecken nur wenige Kaufinteressenten ab. Rund 55.000 Häuser verteilen sich auf die rund 90 Quadratkilometer der ausuferndenden Siedlung, die sich über drei Postleitzahlengebiete erstreckt, und jeden Monat kommen weitere 200 dazu. Damit ist The Villages die am schnellsten wachsende Gemeinde der USA.»So langsam geht uns der Platz aus«, unkt Immobilienmakler Michael Joy.

Im Ruf, dass in The Villages auf jeden Mann zehn Frauen kämen, steht die Wohnanlage indes zu unrecht. Tatsächlich gibt es zwar unter den Alleinstehenden deutlich mehr Frauen als Männer, doch die Singles sind insgesamt eine kleine Minderheit: Rund 95 Prozent aller Haushalte bestehen aus Ehepaaren. Erstaunlich ist dagegen die Altersmischung im Stadtbild. Das Durchschnittsalter in The Villages liegt zwar bei 69 Jahren, aber wer auf den drei »Town Squares«, den sozialen Freiluftzentren, nur Rentner erwartet, hat sich getäuscht. Junge Familien und Paare mittleren Alters sind zahlreich vertreten. Zwar dürfen Kinder und Jugendliche maximal 30 Tage am Stück hier im Oldie-Himmel gastieren, damit die Gemeinde ihren steuerlichen Sonderstatus aufrechterhalten kann, aber die ungewöhnliche Enklave ist gleichwohl ein beliebtes Ziel für Familienurlaube, was vom Fehlen einer Mindestvermietdauer begünstigt wird.

Besonders für leidenschaftliche Golfspieler ist der Ort das wahre Paradies. Mit derzeit zwölf 18-Loch-Plätzen und drei Dutzend 9-Loch-Plätzen ist die Seniorenstadt die Gemeinde mit der höchsten Golfbahnanzahl weltweit. Mission Hills in China liegt mit 216 Golflöchern buchstäblich abgeschlagen auf Rang 2.

Im Pavillon auf dem Marktplatz spielt derweil wie jeden Tag seit 17 Uhr Livemusik, auf der Südseite vor dem Pavillon tanzen frisch- und nicht mehr ganz frischverliebte Paare den Dorfschieber (eins vor, zwei zurück), auf der Westseite haben sich Einzeltänzer aufgestellt und bewegen sich nach einer Aerobic-Choreographie. Gegen 19 Uhr ist der Platz rappelvoll, jeder bereitgestellte Plastikstuhl ist besetzt.

Spätankömmlinge bringen ihre Campingstühle mit. Die Schlange am »Bait Shack« genannten Kiosk wächst zusehends. Hier wird Alkoholisches in einfachen Plastikbechern ausgeschenkt. Derweil langweilen sich die Angestellten in den diagonal gegenüberliegenden Kiosken, die Nichtalkoholisches wie Cola und Fruchtsäfte anbieten. Auf öffentlichen Plätzen Alkohol zu trinken ist in Florida eigentlich verboten, doch in The Villages gehört der öffentliche Drink dazu, bis um 21 Uhr der Zapfenstreich eingeläutet wird. Senioren brauchen halt ihren Schlaf.

Das oft als »Disney World für Rentner« bezeichnete The Villages hat mit den Themenparks vor allem gewisse Gestaltungsdetails gemein: Das Straßenbild ist blitzblank, Beete und Blumenkübel werden im Dreimonatstakt neu bepflanzt, der Rasen in den meisten Vorgärten ist penibel manikürt und die nach historischem Vorbild gestalteten Fassaden rund um die Marktplätze sind in Pastelltönen gestrichen.

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01. 07. 2016
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