Dramatischer Kontrapunkt zum Beton und Glas der Städte. Wichtig für Floridas Wasserversorgung, unentbehrlich für die Natur. Der Fluss aus Gras. Unmittelbar dort, wo das Häusermeer Miamis aufhört, beginnen die Everglades. Bis zur Küste des Golfs von Mexiko nimmt der Nationalpark die gesamte Südspitze Floridas ein, einschließlich der von Mangroveninseln gesprenkelten Florida Bay. Dank seiner wilden Ursprünglichkeit bleibt der größte Teil den Tieren vorbehalten. Vor allem Vögel sind hier zuhause: Silberreiher, Graureiher, Eisvögel, Pelikane, Ibisse, verschiedene Entenarten und der Rosalöffler. In den Wäldern leben Schwarzbären, Rotwild und Otter, in den Sümpfen und Gewässern Alligatoren, Krokodile, Schildkröten und Schlangen. Die wenigen Florida Panther streifen hier heimlich durch die das hohe Gras.
Eine wunderschöne Landschaft. Aber auch eine, die sich für den Menschen ungastlich, ja unwirtlich darstellt: Mücken, Feuchtigkeit und sengende Hitze sind oft unerträglich. Doch auch in diesem Lebensraum haben sich Menschen eingerichtet – Miccosukees, einer der wenigen verbliebenen Indianer-Clans im Südosten der Vereinigten Staaten. Haben sich in ihrem dreihundert Jahre währenden Überlebenskampf an die Landschaft angepasst. Um 1700 vertrieben weiße Siedler in Alabama, Georgia und im nördlichen Florida die dort ansässigen Miccosukee- und Creek-Indianer. Diese fanden Zuflucht in den Everglades. Sie wohnten auf den Hammocks, den kleinen Inseln mitten in der Sumpflandschaft.
Um von dort zu jagen und Verwandte zu besuchen, bauten sie aus einem einzigen Zypressenstamm gefertigte, lange Boote. In der Abgeschiedenheit der Mangrovensümpfe bewahrten und pflegten die Miccosukee ihre indianische Kultur. Immer wieder versuchte die Regierung die Indianer zu vertreiben und in Reservate umzusiedeln. Aber die Miccosukee weigerten sich hartnäckig, ließen sich auch durch Geldangebote nicht weglocken. 1962 schließlich wurde der Stamm der Miccosukee offiziell als Nation mit Landrecht anerkannt. Ein neues Kapitel war eröffnet.
Lange Zeit lebten die Indianer der Everglades mehr schlecht als recht vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten und Kunsthandwerk, das für vorbeifahrende Touristen eine Attraktion darstellte. Doch dann öffnete sich mit der Berechtigung zum Betrieb von Spielhallen die Türe zum Wohlstand. Kluge Stammesväter der Miccosukee fingen nach Erhalt ihrer Selbständigkeit an, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Und stellten die rund 600 Stammesmitglieder auf soliden finanziellen Grund.
Irgendwann begannen die Miccosukee, sich dem Tourismus in den Everglades zu widmen. Um den Menschen das Ökosystem Everglades näher zu bringen. Wer sich die Zeit nimmt, im stammeseigenen Museumsdorf mit Indianern zu sprechen, wird vieles erfahren über die Gefährdung der Gewässer und den darin beheimateten Tiere und Pflanzen. Nach Jahrzehnten des Überlebenskampfes haben die Miccosukees ihren Gästen heute etwas Wichtiges zu geben: ein tiefes Wissen von einem Leben im Einklang mit der Natur. Im Schatten der reetgedeckten Chickee-Hütten flechten Miccosukee-Frauen ihre traditionellen Korbwaren. Gleich nebenan fertigt eine alte Indianerfrau bunt bestickte Lederarmbänder.
Ein paar Schritte weiter öffnet sich das "Cultural Center" – eine Art Heimatmuseum, in dem vergilbte Fotos, alte Trachten und andere Artefakte wie Holzschnitzereien an die Traditionen und Riten der Miccosukee erinnern. Ein Boardwalk hinter dem Museum bringt einen schnell dorthin, wo die Miccosukee über Jahrhunderte zuhause waren und immer noch sind: die unendlichen Weiten der Everglades. Beinahe eben ist die ruhevolle Szenerie. Und doch fließt das Wasser, denn die Everglades sind wahrhaftig ein Gras bestandener Fluss, 80 Kilometer breit und nur zwischen 10 und 90 Zentimeter tief. Mit der Geschwindigkeit von nur wenigen hundert Metern am Tag schiebt sich das lebensspendende neue Nass aus dem Lake Okeechobee, Floridas größtem See, mit dem breiten Shark River Slough in die Everglades.
Wasser ist das Lebenselixier der Region. Und das der Miccosukee. Wie kein anderes Ökosystem unterliegen die Everglades dem Jahrtausende alten Zyklus von Feuchtigkeit und Trockenheit. Herrscht sommerlicher Überschuss, verteilen sich das Wild und die Fische weiter im nahrungsreichen Umland. Im trockeneren Winter versammelt sich das Leben in Wassernähe, Alligatoren und andere Tiere versammeln sich um die Wasserlöcher.



