Bingo ist was für Einsame oder Ältere, dachte ich immer, oder noch schlimmer, für einsame Ältere. An diesem Wochenende wurde ich eines Besseren belehrt. Nachdem mehrere meiner Freundinnen mir seit Monaten in den Ohren liegen, ich solle doch mal Sonntags Abends mit zum Bingospielen kommen, hab ich mich endlich mal überreden lassen und diesen Sonntag ausnahmsweise mein normalerweise übliches Dinner auf Lincoln Road ausfallen lassen und bin, mit Baby im Schlepptau, mit ins kürzlich neu renovierte und superhip aufgezogene Standard Hotel auf dem Venetian Causeway gegangen. Man könne Gutscheine für die Hotelbar und sogar für Massagen im Hotelspa gewinnen, sagen sie. Na dann wollen wir mal sehen.
Um 20 Uhr beginnt der Spaß, jeden Sonntag. Wir waren also (als einzige) pünktlich, konnten uns in der gemütlichen, geräumigen, einladenden Lobby noch einen der niedrigen, runden und riesigen Couchtische aussuchen und uns breit machen, um für unsere restlichen 8 Freunde, die natürlich die akademischen 15 Minuten zu spät waren, noch ein paar Samtsesselplätze frei zu halten.
Als erstes werden wir von den in einer Reihe aufgestellten Kellnern begrüßt, die in Comedian-Harmonists-Manier acapella “Welcome to Bingo-Bingo-Bingo” singen und uns mit einem Butler-Knicks den Weg zum Schauplatz weisen. Wir sind gleich gut gelaunt und bestellen Rotwein, Chai-Tee, Tabouleh-Salat und Oliven. Dann holen wir uns vom Tisch mit der großen Bingo-Kugel, aus der später die Bälle rollen sollen, jeder unsere Bingo-Karten und dazu gehörende phallisch anmutenden Riesenstempel, mit denen man die Nummern auf dem Papier markieren soll. (Die größte Aufgabe des Abends wird es sein, denke ich mir, nicht etwa schnell genug den ausgerufenen Nummern folgen zu können, sondern meinem 11 Monate alten Baby Linus zu erklären, dass es die tollen Stempel weder anlecken noch Leuten auf die Röcke und Hosen stempeln darf.)
Dann gesellen sich nach und nach immer mehr Leute zu uns in die Lobby, die alle so aussehen, also kämen sie geradewegs aus einem Berliner Kneipenviertel, der Kölner Schwulenszene, einem Tattoostudio in Ibiza oder einem Intellektuellen-Cafe in Boston eingeflogen. Ich muss sagen, eine so coole und interessante Mischung an netten Leuten sieht man nicht alle Tage. Zu guter Letzt tipseln zwei betagte Damen die Rampe herunter, alle mit Gehstock, die auf dem ersten Blick wie Rose und Dorothy aus den Golden Girls aussehen. Ich muss zweimal hingucken, aber sie sind es doch nicht.
Binnen 15 Minuten ist der Raum pickepackevoll, etwa 120 Leute quetschen sich auf Sessel, Stühle, Tische, auf den Boden, und stehend auf die in den Raum führende Rampe, neugierig alle Augen auf die große Bingokugel geheftet, wann diese sich denn endlich zu drehen beginnt. So ungefähr wie Samstagslotto, nur viel spannender und cooler.
Da kommt unsere Moderatorin herein, von der mir schon superviel erzählt wurde und auf die ich mich schon gefreut habe. Jetzt verstehe ich, warum es in Bingospielerkreisen “Adult-Bingo”, also Erwachsenenbingo, heißt: Die kokette, dralle, extrovertierte dunkelhäutige Muse greift beherzt zum Mikro und brüllt in ihrer sexy Stimme hinein, “Helloooo... Give me some baaaalls...!!!” und fügt dann lasziv und zweideutig hinzu: “...in your mouth!” Dann sagt sie, “no, not in my mouth, I’m a Lesbian. Sorry” und sorgt damit allerseits für Lacher und Beifall zusteuernde Pfiffe.
Um es noch schwieriger zu machen, als es eh schon ist, im Schummerlicht, mit einem Baby auf dem Schoß, das von mir entertaint werden will und partout Filzstempel in den Mund stecken will (abwechselnd in seinen und in meinen), in einer rasenden Schnelligkeit der sexy, aber undeutlich hauchenden Moderatorinnenstimme zu folgen, raunzt diese auch noch nicht etwa die eindeutigen Bingonummern, sondern in poetische Verse verpackte Zahlen ins Mikro: “Sexy-sex is your next number... give me some more baaaaalls!!!” – Sechsundsechzig also. Hab ich sogar. Jetzt fehlt mir nur noch die 30 zu einer vollen Reihe. Schon stöhnt sie, “N-as in naughty - dirty!!!” – Das ist vom halbvulgären ins normale Englisch übersetzt N-30 – genau, was mir noch fehlte!!
“BINGO!!!!!!!!!!!!”, schreie ich, und laufe mit meiner Karte nach vorne. “The sexy Mama with the Baby rocking on her hips is the lucky winner of a scrub massage at our spa!!! Congratulations!” ruft die Moderatorin und bringt mir ein Glas Prosecco mit meinem Gutschein an den Tisch. Alle pfeifen freudig und klatschen mir zu (Linus auch), ich verabschiede mich und fahre glücklich Richtung Heimat. Auf dem Rückweg stoppe ich noch bei Publix, und an der Kasse höre ich auf einmal zwei Stimmen hinter mir, die sich zunächst leise wundern, “Is that the Bingo baby??” und dann lauter, “Yeees, it IS the Bingo baby!!” – Es sind Rose und Dorothy, die nix anderes zu tun haben als nach dem Bingo um 11 Uhr nachts noch zum Publix zu gehen. Es ist immer wieder lustig, dass Rentner sich die lustigsten Zeiten zum Einkaufen aussuchen, wo sie doch den ganzen Tag und die ganze Woche frei haben. Aber es muss Sonntag Nacht sein. :)
Die beiden süßen Seniorinnen machen mir noch ein paar Komplimente und verabschieden sich dann simultan heftig winkend und Linus Küsschen zuwerfend. Nächsten Sonntag bin ich auf jeden Fall wieder dabei – allerdings mit mehr Prosecco, ohne Baby, und genau derselben Portion Spielerglück!

(Foto: Daniela Boettcher)

Hibiscus Island ist eine Miami Beach vorgelagerte kleine Insel, gleich neben Star Island und auf der gegenüber liegenden Seite von Fisher Island gelegen, auf der gigantische Villen sich aneinander reihen und fast jedes Haus eine millionenschwere Yacht am privaten Dock liegen hat. Jonathans Wohnung befindet sich in einem der wenigen Apartmentgebäude auf der Insel. Zwar nicht so pompös wie die seiner Nachbarn, doch dafür umso charmanter ist der Garten hinter dem Haus, der natürlich auch einen eigenen Bootssteg hat, an dem allerdings keine Yacht, sondern einige Kayaks angedockt sind (mit denen wir zu späterer Stunde noch eine Tour durch die abendlichen Gewässer machen werden). Die Sitzgelegenheiten erinnern mich an Nikki Beach: Auf einer aufgeschütteten Sandfläche stehen gemütliche hölzerne Gartenstühle und Strandliegen, überdacht von schicken, beigefarbenen Sonnenschirmen. Um das Ganze noch einen Tick romantischer zu machen, hängen an den Efeu-bewachsenen Gartenzäunen bunte Lampions, die in der Abenddämmerung flackern. Gleich neben der Sand-Terrasse ist ein großer gepflegter Garten mit einer Rasenfläche, auf der man Fußballl spielen kann.
(Fotos: Daniela Boettcher)
(Foto: Daniela Boettcher)





