Eines ist klar: Im Moment stecken wir in den USA in einer Phase der Deflation. Und man braucht kein Hellseher zu sein um vorherzusagen, dass diese im Laufe des nächsten Jahres wohl in eine mehrjährige Stagflation münden wird, auf die wiederum eine Zeit steigender Zinsen und Preise folgen dürfte. Kurz- und mittelfristig wird sich sicherlich positiv auswirken, dass die US-Zentralbank der Wirtschaft vermehrt Gelder direkt zur Verfügung stellt. Zudem sehe ich die Chancen eines zweiten Konjunkturförderungsprogramms als sehr groß an.
Angesichts dieses Szenarios ergeben sich meiner Ansicht nach in den nächsten zwei Jahren gerade im Immobiliensektor ausgesprochen interessante Anlagemöglichkeiten. Es gilt, Objekte zu tiefen Preisen zu erwerben und zu günstigen Zinssätzen langfristig zu finanzieren. Wie ich bereits in meinem letzten Blog-Beitrag erläutert habe, ist ein erfolgreiches Investment heute abhängig von tiefer Marktkenntnis und einer präzisen Planung, um die derzeit doch ausgesprochen ungewöhnlichen Rahmenbedingungen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Wie erwähnt sehe ich durch sowohl den Kauf von Objekten, die bereits im Bestand der Banken sind, als auch durch den Kauf der entsprechenden Hypothek mit Abschlag momentan gute Möglichkeiten, auf dem Markt für gewerbliche Immobilien in den USA mittel- und langfristig zu profitieren.
Die Turbulenzen im gesamtwirtschaftlichen Umfeld erfordern bei der Investition in Immobilien eine flexible Herangehensweise. Altbewährte Anlagestrategien nutzten den Anlegern in den letzten Monaten wenig. Es geht nämlich nicht nur darum, sein Geld in eine ganz bestimmte Asset-Klasse zu investieren, sondern seine Anlagestrategie ganz präzise dem veränderten Umfeld anzupassen. Und dabei möglicherweise von etwaigen Übertreibungen und Irrationalitäten zu profitieren.
Dass wir es im Moment eindeutig mit einer Ausnahmesituation zu tun haben, beweisen die Fakten: Die hohe Arbeitslosigkeit und die niedrige Auslastung der Industriekapazitäten haben zu deutlichen Preisreduktionen geführt. Der tiefe Dollar verbilligt die Importe. Mieten von Wohn- und Gewerbeimmobilien fallen. Der Preisverfall bei den privat genutzten Immobilien ist noch nicht überall gestoppt, bei den gewerblichen Objekten kommt er jetzt erst richtig ins Rollen. Die Bürger konsumieren weniger und sparen mehr. Die Konjunkturförderungsprogramme des Staates haben nur temporäre Auswirkungen. Kleine- und mittelständische Unternehmen erhalten von den Banken keine oder kaum noch Finanzierungen.
Einer der wichtigsten Faktoren für die künftige wirtschaftliche Entwicklung ist indes die steigende Arbeitslosigkeit. Jede Zeit hoher Inflation ging bisher einher mit deutlichem Anstieg der Löhne. Im Moment sind diese aber stagnierend bis rückgängig (minus 5 Prozent im zweiten Quartal). Die Firmen kürzen nicht nur die direkten Lohnkosten, sondern auch Sozialleistungen wie Krankenversicherung, Rentenversicherungen und Zuschüsse zur privaten Altersvorsorge. Mit 9,8 Prozent Arbeitslosen, 7 Prozent Unterbeschäftigten und 3 bis 4 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, die die Suche aufgegeben haben, ist heute fast jeder fünfte Amerikaner arbeitslos oder unterbeschäftigt. Vor einigen Jahren war es nur einer von sechzehn.
Die Arbeitslosigkeit dürfte allerdings erst im kommenden Jahr ihren Höhepunkt erreichen. Eigentlich müssten die USA pro Monat 150.000 neue Arbeitsplätze schaffen, um die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Die US-Firmen sind aber weiterhin sehr zurückhaltend bei der Einstellung von neuem Personal. Somit wird es fünf oder mehr Jahre dauern, ehe es die hohe Arbeitslosigkeit abgebaut und es wieder zu realen Lohnerhöhnungen kommen wird.
Theoretisch sollte man in einer Rezession die Wirtschaft ankurbeln, indem man die Konsumenten wieder zum Geldausgeben bewegt. Das wird diesmal aber nicht gelingen. In den letzten Jahren haben zwei massive Einbrüche an den Kapitalmärkten und der Kollaps des Immobilenmarktes zu einer massiven Reduzierung der Privatvermögen geführt. Als Folge ist die Sparquote angestiegen, die Bürger reduzieren ihre Schulden. War die Sparquote vor zwei Jahren noch negativ, so liegt sie jetzt bei 3 Prozent. Meiner Einschätzung nach wird sie aber bald auf 9 Prozent ansteigen – auf einen Wert also wie zuletzt vor 20 Jahren (bevor die Amerikaner so richtig anfingen, auf Pump zu leben). Die Dividendeneinnahmen sind um 23 Prozent und die Zinseinkünfte um 4,5 Prozent gesunken. Das Konsumverhalten der US-Bürger hat sich grundlegend und dauerhaft geändert.
Der Konjunkturaufschwung müsste also durch die Wirtschaft kommen.
Meine Hoffnung hält sich da freilich in Grenzen. Die US-Banken haben ihre Kreditvergabe massiv eingeschränkt und legen ihre Gelder – auch aus Bilanz-kosmetischen Gründen – lieber in US-Bundesschatzbriefen an. Obwohl dem Bankensystem gewaltige Liquidität von der Zentralbank zur Verfügung gestellt wird, kommt diese nicht in der Wirtschaft an. Die Banken leihen sich das Geld für 0.5 Prozent von der Zentralbank und legen es zu 2 Prozent oder mehr wieder in längerfristigen Staatspapieren an. Schneller und sicherer kann man kein Geld verdienen! Das Kreditgeschäft ist auf das Niveau von vor zwei Jahren gesunken und zeigt keine steigende Tendenz. Gemäß unten stehender Grafik sinken die Ausleihungen an kleine- und mittlere Unternehmen. Diese haben aber in den letzten zehn Jahren 60 bis 80 Prozent aller neuen Stellen geschaffen und beschäftigen mehr als 50 Prozent aller Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten.
Interessant ist hier für mich in diesem Zusammenhang auch, dass in früheren Rezessionen – anders als heute – die Ausleihungen der Banken nicht zurückgegangen sind.
(Graphik: Rainer Filthaut)
Meine Interpretation der jüngsten Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke ist, dass die Zentralbank nicht gewillt ist, unbeschränkt Geld zu drucken. In den letzten Wochen verstärken sich die Warnungen an Kongress und Präsident Obama hinsichtlich steigender Defizite. Alternativ könnte die Zentralbank noch mehr Hypotheken, Kreditkartenguthaben, Betriebskredite und andere Finanzierungen aufkaufen. Dies hätte mehrere Vorteile: Einerseits müsste die inflationäre Geldmenge nicht wieder zurückgeholt werden. Andererseits laufen die Finanzierungen aus und werden zurückgezahlt – den Immobilienbesitzern (seien es private oder gewerbliche), den klein- und mittelständischen Unternehmen und den Konsumente wäre damit geholfen.
Die Auslastung der US-Industrie steigt zwar wieder leicht an, liegt aber immer noch auf sehr niedrigem Niveau. Die untenstehende Grafik zeigt den tiefsten Stand, seit diese Daten erhoben werden. Auch hier ist meiner Ansicht noch lange kein Grund für inflationäre Tendenzen in Sicht.
(Graphik: Rainer Filthaut)
Kurzfristig können höhere Ausgaben auf Seiten des Staates geringere Ausgaben auf Seiten der Wirtschaft und der Konsumenten ausgleichen. Berücksichtigt man jedoch die gewaltigen Haushaltsdefizite, so ist dies nur temporär und begrenzt möglich. Ich gehe aber davon aus, dass wir in absehbarer Zeit ein zweites Konjunkturföderungspaket sehen werden. In einem interessanten Interview mit dem Fernsehsender CNBC erläuterte Nouriel Roubini, Chairman of RGEMonitor.com und einer der frühen Mahner vor der Finanzkrise, jetzt die fatalen Folgen eines gigantischen Haushaltsdefizits. Allein in diesem Haushaltsjahr betrug das Defizit 1,4 Billionen Dollar, die Schätzungen für die kommenden Jahre belaufen sich auf 1 Billion Dollar pro Jahr.
Meiner Meinung sind diese Annahmen sogar zu optimistisch, basieren sie doch auf der Annahme, dass die Wirtschaft jährlich um 3 Prozent wächst und die Arbeitslosenquote auf 5 Prozent zurückgeht. Ohne Änderungen der jetzigen Haushaltspolitik sehe ich einen Anstieg des jährlichen Defizits auf 2 Billionen Dollar in fünf Jahren mit allen negativen Folgen, die eine solche Verschuldung auf Dauer für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen würde.

(Foto: Piotr Rzeszutek)









