Nika Lubitsch
Nika Lubitschs Blog

Nika Lubitsch – Schriftstellerin und Snowbird

Yummy, yummy – Das Geheimnis des Doggy-Bags

03. Oktober 2014

Hackepeter mit Zwiebeln. Auf knusprigem, doppelt gebackenem Graubrot. Oder ein Brötchen mit saftigem, gekochten Schinken. Schusterjunge mit Holsteiner Katenschinken. Laugenbrezel mit Weisswurst und süßem Senf. Handkäs mit Musik... davon träumen wir hier in Florida, man wird ja kulinarisch bescheiden.

Jüngere Florida-Reisende wähnen sich hier im Schlaraffenland. Da locken die mit Käse überbackenen Sandwiches, die Brote, dick belegt mit Roast- oder Corned Beef, da kann man sich kaum entscheiden zwischen Chilli's, Bob Evans, Applebee's, Mel's oder dem Outback-Steakhouse. Hier gibt es an jeder Ecke die Ernährung, die auch Deutsche unter Zwanzig oft für besonders lecker halten: Pizza, Pasta, Burgers und Fajitas. Was weder das eine noch das andere ist, wird paniert und frittiert, damit es genießbar wird. Zur Nachspreise gibt es überall warmen Schokoladenkuchen und alternativ den omnipräsenten Key-Lime-Pie. 

Spätestens nach drei Wochen in Florida passen die Hosen nicht mehr und man möchte nur noch einen kleinen Salat. Aber ohne Hühnchen, bitte. Alles, was man hier zu essen bekommt, ist irgendwie gesüßt. Die Pizza ist zu dick und zu groß, die Pasta ist zu weich und lässt sich schlecht um die geschmacklosen, gummiähnlichen Meatballs wickeln, die Burger erhalten ihren Geschmack ausschließlich vom Ketchup und das Fleisch für die Fajitas ist steinhart. Selbst ursprünglich ganz gesunde Nahrung wie Seafood oder Hühnchen wird in der Friteuse zur Kalorienbombe und wer nicht nach drei Wochen bei Walgreens nach Acid sucht, hat wohl einen Pferdemagen.

Wer ein halbes Jahr in Florida bleibt, braucht nicht nur einen Pferdemagen, sondern eine Menge Geld. Denn die Alternative zu dem hier angebotenem Essen heißt: Selber kochen. Also beispielsweise so etwas wie ganz ordinäre Bouletten mit hausgemachtem Kartoffelsalat. Oder einfach nur ein paar leckere Spaghetti al dente mit irgendeiner schnell selbst gerührten Sauce. Oder man schmeißt Steak, Würstchen oder Fisch und Gemüse auf den Grill. Das aber setzt voraus, dass man einkaufen geht. Und das ist hier sehr viel teurer als Essen gehen. Während man zu Zweit bei Chili's für ein drei Gänge-Menu ungefähr 60 Dollar ausgibt – inklusive zwei Bier und zwei Margarita, (drink one, get one free), muss man allein für einen Bouletten-Kartoffelsalat-Abendbrot-Einkauf bei Publix mit rund einhundert Dollar rechnen. Ich bin in den vergangenen sechs Monaten nicht einen einzigen Tag unter 130 Dollar bei Publix rausgekommen.

Das dürfte wohl der Grund sein, warum ärmere Amerikaner hier dick sind. Wer sparen muss, kocht nicht selbst, sondern geht abends zu Chili's, isst sich satt und nimmt noch ein Doggie-Bag mit für den nächsten Tag. Die Portionen sind so bemessen, dass es locker für zwei Tage reicht. Frühstück und Mittagessen inklusive.

 

Mel's Diner - Lunch für neun Dollar

Für den gemeinen Mitteleuropäer ist das auf Dauer einfach keine Ernährung. Oh, natürlich gibt es hier auch "gute" Restaurants. Das sind die, wo das Entree, sprich Hauptgericht, 30 Dollar kostet und mit einem Brimborium serviert wird, als ob es sich um Sterneküche handelt. Dabei handelt es sich um - na rate mal. Genau. Siehe oben.

Beispiel: Gestern mittag in Naples. Endlich ein Italiener, der aussieht, als ob es ein echter Italiener sei. Wir gieren nach Carpaccio, Vitello Tonato und vor allem nach einem echten Cappucino. Den haben wir hier in sechs Monaten nicht bekommen. Schon bei der Tischdeko ist klar, der Wirt muss wenigstens schon mal in Italien gewesen sein. Schönes Steingut, rustikale Stoffservietten, Olivenöl-Kännchen und Pamesantöpfchen auf dem Tisch. Und dann kommt die Speisekarte und eine extra Karte für "unser Sommermenü". Hoffnungsfroh greifen wir zu Karte und Sehhilfe. Es gibt: Pasta, Pizza und grünen Salat. Das Sommermenü besteht aus zwei der drei Komponenten. Och nö, ehrlich?

Melting Pot Amerika, so haben wir es mal in der Schule gelernt. Menschen unterschiedlicher Nationalität brachten das Beste mit, was Küche und Keller ihrer Heimat zu bieten hatten. Und dann sollte man meinen, dass im Laufe der Jahrhunderte etwas Eigenes daraus entstand. Aber mehr als Tex-Mex Food, fettige Frittaten und Pasta und Pizza mit der Konsistenz von Marshmallows ist daraus nicht entstanden. Jedenfalls nicht hier in Florida.

Wobei die großen Ketten neben dem reellen Preis einen Vorteil bieten, der uns erst auf unserer Reise nach Mississippi aufgefallen ist. Da wir ausgemachte Langschläfer sind, haben wir grundsätzlich auf das sowieso meist belanglose Frühstück in den Hotels verzichtet und uns mit nüchternen Mägen on the road begeben. Auf der Autobahn gibt es vor jeder Ausfahrt ein großes Schild, auf dem die jeweiligen Restaurantketten, die hinter der Autobahnausfahrt liegen, angegeben sind. Wenn man also morgens Lust hatte auf Country Eggs Benedict, dann hat man nach einem Perkins Ausschau gehalten, was meist nicht länger als ein bis zwei Ausfahrten auf sich warten ließ. Stand einem der Sinn nach Pekan-Waffeln, war garantiert hinter einer der nächsten Ausfahrten ein Waffle-House zu finden. Rüherei, Speck und Würstchen? Denny's oder Bob Evans. Und einen Iced Tea im Thermobecher gibt es als kostenlosen Refil mit auf den Weg. Schnelles Mittagessen? Hinter Ausfahrt 32 wartet das Büfett von Golden Correl. Lieber Seafood? Red Lobster. Egal, woher du kommst und wohin du fährst, du weißt, was dich erwartet.

Was dich erwartet, weiß du auch, wenn du an einem Restaurant vorbei kommst, vor dem ungefähr vierzig Leute mit einem Drink in der Hand warten. Man kann dort nur Plätze vorbestellen, wenn man mindestens mit einer "Party of eight" ankommt, ansonsten gilt das deutsche Arztwartezimmer-System, das heißt: Nimm dir was zu Lesen mit. Das sind die Läden, die sich zum Beispiel auf Seafood spezialisiert haben, vorzugsweise an Yachthäfen platziert. Hier kriegt man nach angemessener Wartezeit alles, was schwimmen und am Strand krabbeln kann, inklusive dem angemessenem Werkzeug wie Hammer und Nussknacker. Geknackt werden die in einer fettigen Sauce gekochten Snow-, Stone- oder Blue-Crabs direkt auf der Papiertischdecke, was in etwas so appetitanregend ist wie ein Gang zum Proktologen. Selbstverständlich hält das niemanden davon ab, die beim Krebse-Schlagen kalt gewordenen Pommes mit nach Hause zu nehmen. Yummy, yummy!

(Foto: © Nika Lubitsch)


  

Do you speak English?

12. August 2014

Vorgestern im Walmart: Ich suche kalten Tee. Unsweetend. Kein Tee, weit und breit. Endlich begegnet mir ein Mitarbeiter von Walmart. Ich frage ihn: "Sorry, where do I find the tea?". Er bleibt stehen und fragt: "Cheese?" "No", sage ich, "tea." "Ah" sagt er, "cream cheese".

Ich buchstabiere: "Tii, Iihh, Äj". Er nickt und zeigt Richtung Kühlregal mit dem Käse. "Over there". Das Gespräch hat ein anderer Kunde mitbekommen, der sagt: "She wants tea". "Ah, tea!"

Das passierte mir hier nicht zum ersten Mal. Du fragst nach Gin und sie verstehen nicht. Nach dreimaliger Nachfrage lächeln sie dann und sagen: Oh, Gin! Was natürlich dazu führt, dass man anfängt, an seinen Sprachkünsten zu zweifeln.

Besonders schlimm ist das abends, wenn ich meinen Betthupferl-Krimi sehen will. Also "Castle" kann ich vergessen, die nuscheln derartig, dass ich nicht einen Ton verstehe. In der größten Not ziehe ich mir Criminal Minds rein, die ich zu Hause nie mochte, aber die sprechen wenigstens ein Englisch, das ich halbwegs verstehe.

Wir sind ja Fans von Gayle Tufts. Es passiert uns ganz oft, dass wir das Gefühl haben, in einem Sketch von Gayle gelandet zu sein. Ihre Parodie einer Kellnerin, "Hi, my name is Sally" fällt uns in jedem zweiten Restaurant an. Wir verstehen die Mädels einfach nicht. Die reden wie Dieter Thomas Heck dreißig Sekunden vor Ende der ZDF-Hitparade. In Akzenten, die sonstwer verstehen mag, wir jedenfalls nicht. Wenn man dann sagt: "Sorry, I didn't understand", wiederholen sie das Gleiche in der gleichen Geschwindigkeit. 

Zunächst also kamen wir zu dem Schluss: Wir sind alt geworden, können nicht mehr so schnell umschalten, haben unser Englisch vergessen. Starker Tobak für zwei Menschen, die ihr halbes Leben in Englisch verhandeln mussten.

Aber dann guckt man alte Filme auf TMC. Und siehe da, da nuschelt keiner, man versteht jedes Wort. Wir schauen uns historische Videos von der Gegend an: niemand nuschelt, glasklar zu verstehen.

Dass wir nicht an unseren Englischkenntnissen verzweifelt sind, verdanken wir aber dem netten Gemüsemann bei Publix. Ich fragte ihn: "I am looking for pasta?" Antwort des Obstmannes: "Row A". Man guckt oben auf die Anzeigen, es gibt 1, 2, 3, 4.... aber eine Reihe A ist nicht zu finden. Man fragt noch mal, kriegt wieder die Antwort: "Row A". "There is no row A", man möchte es fast schreien. Der nette Obstsortierer lässt die Melonen fallen und geht mit, einmal quer durch den ganzen Supermarkt. Dann zeigt er auf Reihe 8 und sagt: "Row A". "Ah, Row eight! Thank you!, very much, Sir!"

Es liegt gar nicht an unseren Englischkenntnissen. Es liegt an Florida. Hier kommen Menschen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten zusammen und aus dem Rest der Welt gleich mit. Und jeder bringt seinen Akzent mit. Was dabei herauskommt ist eben: Row A. Nicht wir sprechen schlecht Englisch, sondern "Hi, my name is Sally, I'm your waitress tonight" hat einen Virginia-Akzent, den jemand, der aus Seattle kommt, wahrscheinlich ebenso schwer versteht wie wir.

Und was ist jetzt mit Castle? Der spielt schließlich nicht in Florida. Braucht er auch nicht. Denn wenn wir uns mal deutsche Filme vor Augen führen, dann stellen wir fest, dass die Sprache in neuen Filmen ja auch eine andere ist als in Filmen der 70er Jahre. Weil auch wir unsere Sprache schleifen, und unsere Migranten neue Sprachmuster einbringen.

Auf neudeutsch gesagt: So muss Sprache. It's awesome!


  

Und morgen bringe ich ihn um

31. Juli 2014

Im Kartenlesen war ich nie gut. Was schon die Busfahrer in meiner Zeit als Reiseleiterin an den Rand des Wahnsinns gebracht hat. Deshalb sind Navigationsgeräte für mich ein Segen. Wirklich. Natürlich streite ich mich mit denen genauso wie damals in meinem Studentenjob mit den Busfahrern. Wer mir dabei zuhört, würde nicht glauben, dass ich eigentlich eine ganz zivilisierte, ältere Dame bin. Wobei die Betonung natürlich auf älter liegt.

Allerdings wusste ich bisher noch nicht, dass diese Dinger mich wirklich dazu bringen könnten, einen Mord zu begehen und diesmal nicht auf dem Papier, wo ich normalerweise reihenweise zu meucheln pflege. Als wir vorletztes Jahr quer durch den Osten der Vereinigten Staaten gefahren sind, waren wir dem TomTom des Autovermieters hilflos ausgeliefert. Es ist schon erstaunlich, was der Mensch für ein Gewohnheitstier ist. Wenn das TomTom sagt: eine Meile, dann hat man das Gefühl: einen Kilometer. Was dazu führte, dass wir ständig falsch abgebogen sind, zwischen New Hamshire und Maine haben wir uns deshalb sogar mal um 400 Kilometer verfahren. Es half auch nicht, wenn der Beifahrer das Dingen auf dem Schoß hatte, denn Kilometer sind Kilometer und Meilen sind nun mal Meilen. Selbstverständlich war die Halterung auf der Frontkonsole kaputt.

Nach dieser Erfahrung war es für uns klar: Unser deutsches TomTom muss mit. Wunderbar, endlich eine Ansage in Kilometer. "Abbiegung links vor ihnen". Man betätigt den Winker, schwenkt nach links, da ruft mein Mann vom Beifahrersitz: "HALT! Das sind noch 4,3 Kilometer". Hysteriker. Das TomTom, nicht mein Mann.
Okay, also an diese Vorwarnungen gewöhnt man sich. Auch die Ansagen tragen wirklich zur Heiterkeit bei. "Kape Korall und Napplis", das TomTom spricht alles so aus, wie man es liest. Eigentlich auch ganz gut so, denn es soll ja Leute geben, die kein Englisch können. Ich stelle mir gerade vor, ich wäre in Polen unterwegs...
Wirkliche Heiterkeit erzeugen die Straßennamen. Denn die haben nunmehr mit den ausgezeichneten Straßen so gar nichts mehr zu tun. Nehmen wir mal an, man will in eine Flechter Road, dann sagte der Computer: HaWeYpsilon 345. Soll heißen: Highway 345. Natürlich gibt es auf der Flechter Rd. irgendwo auch ein weißes Schild mit 345 und einem merkwürdigen Kringel. Aber eben nicht an der Ecke, wo man steht und verzweifelt die Flechter sucht. BeVauElDe heißt Boulevard, AaVauEe heißt Avenue und besonders gern wird genommen: KoHaWeYpsilon, bei dem wir nur raten können, was der Dichter uns damit sagen will. County-Highway vielleicht?

Nun gibt es Situationen, in denen selbst die Kartenlesekünste meines Angetrauten versagen, und der ist früher Rennen gefahren. Nämlich dann, wenn man das gebuchte Hotel in einer mittleren amerikanischen Stadt sucht. Hier die Liste der Ziele auf unserer Reise nach Mississippi: Der angegebene Hotelstandort in Tallahassee entpuppte sich als Parkplatz von Publix. Stadtmitte hieß: ein verlassenes, zerfallenes Einfamilienhaus mit Gerümpel vor der Tür. Und das in der Hauptstadt Floridas! In Mobile, Alabama, landeten wir statt im weithin sichtbaren Hotelhochhaus in einem öden Containerhafen. Besonders lieb hatte ich das TomTom allerdings in St. Petersburg. Da hat uns das liebreizende Ding wirklich dreimal um den gleichen Pudding geschickt. Aber dann: "Biegen Sie links ab". "Soll ich", frage ich meinen Mann, denn wir haben das Gefühl, dass das nun so ganz und gar nicht richtig ist. "Biegen Sie links ab", insistiert das TomTom. "Okay, okay, Asshole" brülle ich, man merke, beim Schimpfen bin ich multilingual. Kaum bin ich abgebogen, finden wir uns auf dem Parkplatz einer katholischen Kirche wieder. Und nein, ich wollte nicht meine despektierlichen Reden beichten gehen. Irgendwann hat TomTom dann doch die richtige Ausfahrt gefunden. Allerdings hat das Arschloch uns dann in Tarpon Springs 40 Kilometer in die falsche Richtung geführt. Und das nach der Pleite in St. Petersburg, wir hatten an diesem Abend von dem Teil wirklich die Schnauze voll.

 

Auf dem Rückweg haben wir ihn überhaupt nur noch mit Saft gefüttert, wenn wir wissen wollten, wie viele Kilometer wir noch vor uns haben, und was das Ding denkt, wann wir eventuell ankommen würden. Sobald er den Mund aufgemacht hat, haben mein Mann und ich im Chor geschrien: "Halt's Maul, du Idiot."

(Foto: © Nika Lubitsch)

 

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Total zugedröhnt

21. Juli 2014

In Amerika braucht man keinen Wecker. Denn hier ist alles pünktlich, zumindest die Maschinen. Um Punkt 8.30 Uhr springt die Poolpumpe mit einem lauten Rülpser an. Damit der Pool nicht verdreckt, wird das Wasser im Whirlpool gequirlt und dann über eine kleine Mauer in den Pool geschubst. Das regelmäßige Plätschern ist der Grundsound des Tages, was dazu führt, dass ich ständig auf's Klo muss. Sobald der Wasserstand auch nur einen Millimeter niedriger ist als normal, hört sich das an, als ob der Pool Schluckauf hat und zwar abwechselnd an drei Stellen, dicke Luftblasen steigen an die Oberfläche und zerplatzen mit einem Geräusch, das sich anhört wie eine verliebte Kröte. Verdunstet noch mehr Wasser, dann läuft der Generator heiß mit einem Geräusch als ob jemand einen laufenden Rasenmäher neben dem Haus vergessen hat. Zeit also aufzustehen.

Montagmorgen erschüttert die Müllabfuhr die Gegend mit dem automatischen Anheben und Absetzen der Müllbehälter, die wir vorsorglich schon am Sonntagabend an die Straße gestellt haben. Die Müllabfuhr kommt zweimal, einmal zum Frühstück und einmal zum Mittagessen. Zum Frühstück gibt es Wertstoffabfall, zum Mittagessen Restmüll. Während ich noch das Frühstück in der Küche bereite, klingelt zum ersten Mal am Tag das Telefon. Ein Werbeanruf, natürlich. Sie beginnen alle gleich: "Kann ich mal Dirk sprechen", fragen sie. Dirk ist der Besitzer des Hauses. Und der Anrufer ist beileibe kein Freund von Dirk, hat Dirk nie gesehen, will ihm aber eine neue Versicherung, ein besseres Sicherheitssystem oder eine Geldanlage verkaufen. Ich sage dann immer ganz freundlich: "I tourist, I not speak English." Dann legen sie auf. Diese Werbeanrufe kommen im Schnitt 15mal am Tag, richtig ärgerlich sind die Anrufe, bei denen man mit einem Band spricht. Legt man auf, klingeln sie gleich nochmal. Besonders häufig kommen diese Anrufe natürlich während des nachmittaglichen Nickerchens. Aber es nützt ja nichts, eine Maschine anzubrüllen.

Jetzt beginnt draußen die Kreissäge zu kreischen. Denn an der Ecke wird gebaut und das seit vier Monaten. Unsere Frühstücke auf der Terrasse sind begleitet von Hämmern und Bohren, von schreienden Arbeitern, von Baggern, die beim Rückwärtsfahren piepen, von dicken Lastern, die abgeladen werden. In dieses Konzert mischen sich die Dachdecker von gegenüber, denn dem Nachbarn ist beim letzten Sturm ein Teil des Daches verlustig gegangen. Zweimal in der Woche ist auch noch Ina da, unser guter Geist, der das Haus in Schuss hält. Allerdings ist das ein bisschen lauter als zu Hause, denn es gibt hier eine zentrale Sauganlage. Ina stöpselt einen langen Schlauch einfach in jedem Zimmer in die dazugehörige Steckdose und dann wird der Staub in einen riesigen Behälter, der in der Garage hängt, gesaugt. Allerdings hört man den Höllenlärm des Staubsaugers dadurch in allen Räumen, sogar draußen auf der Straße und 250 Quadratmeter saugen sich nicht in zehn Minuten. Gegen zwölf Uhr wird es plötzlich ruhig. Aha, Mittagspause. Also ab in die Küche, wir freuen uns auf ein Sandwich in Ruhe und Frieden.

Trügerische Stille in Cape Coral (Foto: © Nika Lubitsch)

Kaum sitzt man auf der Terrasse, biegt ein Mensch mit Gasmaske und Tropenhelm um die Ecke. Das ist der Gärtner und er sitzt auf etwas, das aussieht wie ein Aufsitzrasenmäher, sich aber anhört wie ein Panzer. Kaum ist er um die Ecke verschwunden kommt ein weiterer Gärtner mit dem Randschneider, der der Kreissäge auf der Baustelle an der Ecke in nichts nachsteht. Ihm auf dem Fuße folgt ein weiterer Mann mit Legionörskäppi, der mit einem Laubbläser das geschnittene Gras lautstark in den Kanal befördert. Nun könnte man denken, dass dies eine relativ seltene Erscheinung ist, denn hier wächst nicht schnell wachsendes Gras. Weit gefehlt. Der Landscape-Service kommt einmal in der Woche und der Rasen scheint in exakt 10 cm Höhe belassen zu werden, man sieht nach dem Landscape nicht einen Millimeter Höhenunterschied. Aber wir sind ja nicht allein in der Straße, ein Grundstück rund um unseren Kanal wird immer von den Gärtnern heimgesucht, so dass täglich um 12.30 Uhr Alarm im Kanal ist. Das sind unsere Mittagsgeräusche. Manchmal kocht allerdings auch der Kanal. Dann ist wirklich Alarm im Skagerat, wir wussten zuerst gar nicht, was das Wasser plötzlich so laut und sichtbar brodeln lässt. Nachbarin Peggy hat uns aufgeklärt. Mitunter fällt ein Schwarm großer Fische, sie nannte sie "Jacks" über die kleineren Mullets her und das scheint ein wirkliches Gemetzel zu sein.

Trotzdem: Zeit für ein kleines Nickerchen. Kaum liegt man, öffnet sich die Pooltür und zwei schwarz gekleidete Menschen mit langen Stangen betreten den Poolcage. Das ist der Poolservice und deren wichtigstes Hilfsmittel ist Chlor. Da die Baustelle inzwischen wieder arbeitet, müssen sich die beiden anschreien, um sich zu verständigen. Mittagsschläfchen ade. Natürlich kommt der Poolservice nur einmal in der Woche zu uns, aber alle Nachbarn haben ebenfalls einen Pool, so dass auch jeder von jedem Geräusch profitieren kann. Kaum sind die Poolleute weg, klingelt wieder das Telefon.

Aber dann, endlich Feierabend. Man hört schon von weitem, wenn der Nachbar von gegenüber nach Hause kommt. Der hat einen Pickup und einen Auspuff, den man nur als Prothese bezeichnen kann. Das Ding röhrt wie ein verwundeter Hirsch. Seine zwei Hunde hören ihn ebenfalls von weitem und fangen an, sich wie wild auf Herrchen zu freuen. Langsam senkt sich der Abend über den Kanal, die Bauarbeiten sind abgeschlossen, die Nachbarn kommen nach Hause. Man weiß genau, wer wann kommt, denn amerikanische Autos hupen, wenn man sie abschließt. Tolle Erfindung, vor allem, wenn man spät in der Nacht von einem Trip zurückkommt, die halbe Nachbarschaft fällt aus dem Bett.

Jetzt ist es Zeit, die Hunde rauszulassen. Amerikaner führen Hunde nur sehr selten spazieren, die Mehrheit lässt die armen Viecher in den Garten kacken. Meine Nachbarin Peggy hat mir erzählt, dass es ein extra Futter für im Haus gehaltene Hunde gibt, da wird der Stuhl so hart, dass man ihn ganz einfach einsammeln kann. Ob die Hunde nun wegen akuter Darmverschlingung kläffen wie blöd oder ob sie sich einfach freuen, mal zehn Meter im Quadrat laufen zu können, erschließt sich dem Betrachter nicht wirklich.

Man sitzt auf der Terrasse, trinkt gemütlich seinen Sundowner und beobachtet die riesigen Vogelschwärme, die sich abends offensichtlich in ihren Stammkneipen treffen. Ab und zu setzt ein Fisch zu einem doppelten Rittberger an, es gibt welche, die können ganz schön weit springen und landen dann mit einem lauten Platsch auf dem Bauch, mitunter auch auf dem Bootssteg. Aua.

Während die Sonne untergeht, wird die langsam einsetzende Stille zerrrisen von den Fliegern, die jetzt im Minutentakt Southwest International anfliegen. Auch die kleinen Flugzeuge der Hobbyflieger starten jetzt von Page Field aus zu einer Abendrunde. Und die Polizei kontrolliert mit einem Hubschrauber, ob auch alles okay und sicher ist auf den Straßen von Cape Coral.

Jetzt ist es Zeit, sich bitter zu rächen. Wir werfen die zentrale Beschallungsanlage an, die mit Sicherheit nicht nur auf unserer Terrasse zu hören ist sondern bis hoch zum Salzwasserkanal. Das ist auch dringend nötig, denn der Kollege mit dem weggeflogenen Dach von gegenüber hat soeben seine Gitarre herausgeholt, auf der er seine fünf Griffe übt, die ihn zu seinem durchaus passablen Gesang begleiten. Wir heizen den Grill vor und während ich in der Küche den Salat zubereite, fährt draußen laut dröhnend ein Motorboot vorbei. Aha, der Nachbar an der linken Ecke kriegt Besuch.

Wir quatschen bis zum Abwinken, nur unterbrochen von gelegentlichem schrillen Piepen. Die Spülmaschine piept dreimal, wenn sie fertig ist, die Socken in der Waschmaschine piepen dreimal und das Piepen des Trockners sagt uns, dass die T-Shirts trocken sind. Zwischendurch hat man das Gefühl, dass sich in der Küche ein Rohrbruch ereignet hat. Das ist die Eismwürfelmaschine im Kühlschrank, die regelmäßig frisches Wasser nachlegt. Und dann wird es unheimlich. Es hört sich an, als ob ein in der Dunkelheit unsichtbarer Nachbar seinen glühenden Holzkohlengrill in den Kanal geworfen hat. Ein lautes Zischen und dann ein gewaltiger Knall. Damit verabschieden sich keine verbrannten Steaks sondern abgestorbene Palmenwedel und man ist dankbar, dass man nicht darunter steht. Wir freuen uns auf das Wochenende. Endlich Ruhe.

Weit gefehlt. Denn in so einem Einfamilienhaus mit Boot ist immer etwas zu reparieren. Peggy muss den Weg ausbessern lassen und hat zwei mexikanische Steinbeisser engagiert, die uns am Sonntag mit Kreissägenlärm und Betonstaub versorgen. Der Nachbar gegenüber hat Verwandschaft mit acht Kindern zu Besuch, die laut quiekend im Pool baden. Die Erwachsenen turnen mit dem Powerboat durch den Kanal, und der alte Kahn vom Nachbar schräg gegenüber muss mal wieder durchgeblasen werden, was den Vorteil hat, dass man die Katastrophe mindestens eine Stunde nicht sieht, denn blaue Rauchschwaden wabern über den Kanal.

Letzten Sonntag sind wir an den Lake Okeechobee geflohen, es war einfach unterträglich laut. Wir wohnen in Berlin an einer großen Straße, aber dort ist es nie so laut wie in dem ruhigen, beschaulichen Cape Coral.


  

Am Anfang sieht man nur die schönen Augen

23. Juni 2014

Mit der Liebe zu Florida ist es wie mit der Liebe zu einem Mann. Am Anfang sieht man seine schönen braunen Augen und seine breiten Schultern. Ist man eine Weile zusammen, sieht man ihn als ganzen Menschen, die schönen braunen Augen gehören dazu, aber werden kaum noch wahrgenommen. Seit 15 Jahren träume ich davon, einen Florida-Thriller zu schreiben. Es war für mich selbstverständlich, dass ich diesen Roman nicht vom Schreibtisch in Berlin aus schreiben kann. Denn das Leben in Florida ist so ganz anders als das Land als Tourist zu besuchen, habe ich mir gedacht.

Ich war das erste Mal vor 46 Jahren in Florida, seitdem bin ich sicher über 20 Mal wieder hierher gefahren. Jetzt bin ich über vier Monate hier und weiß, wie anders es sich wirklich anfühlt. Wenn man als Tourist kommt, betrachtet man sehr aufmerksam seine Umgebung. Man sieht das Meer und die Häuser, die Kanäle und die Shopping-Malls. Florida ist das Land des Golfspielens, des Bootfahrens, der Outlets und der Sonne. Sobald man hier lebt, ändert sich dieser Blick. Man schaut plötzlich auf die Praktikabilität der Dinge. Da wird die Nähe zum Supermarkt wichtiger als die Nähe zum Meer. 

Der Traum, in dem ich jeden Morgen aufwache, der Pool, der Kanal mit seinen vielen Booten, die Küche auf der Terrasse, die Palmen und die Bougainville, der ist nur ein Teil des Ganzen. Ich lebe drinnen, die Klimaanlage ist angeschaltet und ich sitze in einer schattigen Ecke des Hauses an einem viel zu hohen Esstisch und schreibe. Zwischendurch fahre ich mal schnell zu Publix, weil der Mensch nicht nur von Floridianischer Luft und Liebe lebt. Und jeden Abend kommt die Entscheidung: Terrasse oder Essengehen. Wenn man drei Wochen im Urlaub ist, dann sind die Fast Food-Läden ja mal eine ganz nette Abwechslung. Wenn man hier jedoch lebt, dann sind die Fast Food-Läden ein Frontalangriff auf die Figur. Ich esse bestimmt nicht mehr als in Deutschland, aber ich habe über sechs Kilo zugenommen. Fast Food ist hier alles - in Amerika wird Essengehen als reine Nahrungsaufnahme gesehen. Die Läden sind auf Eisschrank-Temperaturen heruntergekühlt und sobald man sein hand-breadded Essen heruntergeschlungen hat, kommt die Rechnung. Take your time heißt nämlich, zahl endlich und verschwinde! Wobei es egal ist, ob man billig wie bei Chilli's oder Bob Evans speist oder überteuert bei Brew Babies oder Slates.

Wenn man im Urlaub ist, dann fährt man hier rum, schaut sich alle möglichen und unmöglichen Sehenswürdigkeiten an. Wenn man hier arbeitet, fährt man nur rum, um zu recherchieren. Auch wenn ein Rezensent neulich meinte, ich würde mit Google maps recherchieren - noch mache ich das selbst, live und in Farbe. Und dann sieht man eher weniger von den Schönheiten der Landschaft, sondern überlegt, ob dieses oder jenes Haus für einen netten kleinen Mord in Frage käme. Die Rahmenbedingungen müssen schließlich stimmen: Wie kann die Leiche entsorgt werden, wo nähert man sich unauffällig seinem Opfer, ohne dass eine der allgegenwärtigen Kameras das aufnimmt. Wie weit ist es von a nach b und wo komme ich mit dem Boot oder dem Flugzeug hin. Selbst Flora und Fauna werden nicht bestaunt, sondern auf Romantauglichkeit hin untersucht. Der Sound muss stimmen, welche Vögel sind wo und geben welche Geräusche von sich, welche Bäume bewegen ihre Blätter wie im Wind.

Und noch etwas ist anders, wenn man hier lebt. Man lernt eine Menge über Amerika und die amerikanische Mentalität. Nicht nur dank Fernsehen, das hier noch unerträglicher ist als zu Hause. Man schaut einfach nicht immer durch die rosarote Liebesbrille auf das Land, sondern ist auch den Widrigkeiten komplett ausgeliefert. Seien es die Dramen mit Handwerkern und Ärzten oder die Tücken der Technik, man fängt an, die Denkweise die hinter den von uns als ungewöhnlich empfundenen Gepflogenheiten steht, zu begreifen. Und wieder ist es wie mit der Liebe: man liebt nie weil, sondern immer trotz. Ich liebe dieses Land, trotz...

Trotzdem würde ich mich niemals trauen, einen Roman zu schreiben, in dem die Protagonistin Amerikanerin ist. Ich bin Deutsche und wie sehr ich deutsch denke, merke ich hier jeden Tag. Mein Heldin in "Das 2. Gesicht" kommt nach Florida und sieht das Land mit deutschen Augen. Mit meinen Augen, natürlich.

Ich habe früher immer gesagt: Zuhause ist, wenn die Bäckerin fragt, wie denn der Urlaub in Florida war. Hier in Florida grüßt mich die ungefähr 80jährige Backwarenverkäuferin schon von weitem und fragt, ob ich heute wieder 2 Donuts möchte. Sie hätte aber auch noch ein frisches White Mountain-Brot für mich. Da ist Maik, der Deutsche an der Kasse bei Publix, der fragt, ob mein Mann denn schon wieder besser laufen kann. Da ist die Frau aus Laos bei Sans Sushi, die genau weiß, dass ich echt keinen Aal mag. Oder die Frau in der Reinigung, die bereits unsere Hemden auf den Tresen legt, wenn sie sieht, dass ich mit dem Auto vor dem Laden halte. Das hat noch nie jemand bei Tip-Top in Berlin-Zehlendorf geschafft. Peggy, die Kapitänin aus Anchorage winkt mir zu, wenn sie morgens ihre Touristen zum Kanufahren transportiert, Nachbar Dave grüßt von weitem und sein Hund Ricco springt in meine Arme. Jetzt also bin ich hier zu Hause.


  

Über mich

Nika Lubitsch

Ich bin eine Florida-Süchtige. Das erste Mal war ich vor 46 Jahren in Florida, es folgten unzählige Aufenthalte in Miami, ich träumte davon, in Coconut Grove zu leben. Als Inhaberin einer PR-Agentur war ich jedoch in Berlin festgebunden. 1992 kamen mein Mann und ich uns über unsere Liebe zu Florida näher, wir konnten uns aber nicht auf einen Ort einigen. Während ich Miami-Fan war, liebte mein Mann Fort Lauderdale. Was dazu führte, dass wir schließlich die Westküste für uns gemeinsam entdeckten. Als wir das erste Mal über die Caloosahatchee-Brücke nach Cape Coral fuhren, ließ sich dort meine Seele nieder. Auf dem Weg zurück fragte ich meine Seele, ob sie mitkommen wollte, aber sie schüttelte nur den Kopf. Seitdem müssen wir immer wieder hierher kommen. Was sehr viel einfacher geht, seitdem ich meine Brötchen als Schriftstellerin verdiene. 2014 haben wir uns das erste Mal als Snowbirds betätigt und uns für sechs Monate hier niedergelassen. In dieser Zeit habe ich meinen ersten Florida-Thriller geschrieben: "Das 2. Gesicht", der sofort ein amazon-Bestseller wurde. Weitere Bücher, die in Florida spielen, sind in Vorbereitung.

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