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Koreshan State Park
Eine historische Brücke über den Estero River im Koreshan State Park (Foto © Kathleen Mitchell/Shutterstock.com)
1893 zog die Koreshan Unity nach Estero, um dort auf rund 130 Hektar Land ihr New Jerusalem zu errichten. Angeführt wurde die religiöse Gemeinschaft von dem charismatischen Cyrus Teed, der früher im Bundesstaat New York als Arzt für alternative Heilmethoden praktiziert hatte und auch als Geistheiler in Erscheinung getreten war. Zu seinen Therapieformen zählte die Verabreichung von Stromstößen. 1969, im Alter von 30 Jahren, war ihm, nachdem er sich versehentlich selbst einen Schlag versetzt hatte, angeblich ein Engel – nach einer anderen Quelle "Gott in Gestalt einer schönen Frau" – erschienen und hatte ihm eröffnet, dass er nach Jesus der siebte göttliche Prophet und Erlöser der Menschheit sei. Das göttliche Wesen klärte ihn zudem darüber auf, dass die Menschen nicht auf einem runden Himmelskörper, sondern vielmehr im Inneren einer Hohlkugel lebten, in deren Zentrum sich Sonne und Sterne befänden.
In der Folge änderte Teed seinen Vornamen in dessen hebräische Form Koresh, was auf Deutsch "Hirte" bedeutet, und rief die Koreshan Unity ins Leben, die durch eine zölibatäre oder jedenfalls sexuell enthaltsame Lebensweise nach Unsterblichkeit strebte. Zu den Grundprinzipien der Gemeinschaft zählten außerdem die Gleichheit von Mann und Frau, die Ablehnung der Konsumkultur und der Verzicht auf persönliches Eigentum. Dies bedeutete freilich nicht, dass sie in Armut und ohne Errungenschaften moderner Technik lebte: Mithilfe des privaten Vermögens ihrer Mitglieder entstanden auf dem Territorium in Estero unter anderem eine Bäckerei, ein Gemischtwarenladen, ein Kraftwerk und eine Druckerei, in der unter anderem die Zeitung "American Eagle" produziert wurde. Die Kommune unterhielt auch zahlreiche Handwerksbetriebe, darunter eine Möbelfabrik in Bristol im Bundesstaat Tennessee, sodass sie sich durch Handel mit der Außenwelt finanzieren konnte. 1906 gründete sie sogar eine eigene politische Partei, die Progressive Liberal Party, die sich aber bei den örtlichen Wahlen gegen die Demokraten nie durchsetzen konnte.
In seiner Hochzeit zwischen 1903 und 1908 hatte New Jerusalem 250 Einwohner, dazu kamen wohl noch etwa 4000 weitere Koreshans in den übrigen USA. Rund 75 Prozent davon waren Frauen. Doch die Vision der 10-Millionen-Stadt, die Teed vorschwebte, sollte sich nicht erfüllen. Nach seinem Tod im Jahr 1908 setzte der Niedergang der Gemeinschaft ein (wozu auch die sexuelle Enthaltsamkeit beigetragen haben mag). 1961 übereigneten die letzten fünf Mitglieder der Koreshan Unity etwa 124 Hektar ihres Landes dem Staat Florida; sechs Jahre später wurde der Koreshan State Park feierlich eröffnet. Die Siedlung selbst wurde als Koreshan Unity Settlement Historic District 1976 ins National Register of Historic Places aufgenommen. Letzte Angehörige der Gemeinschaft war die 1940 als Jüdin aus Deutschland vor den Nazis in die USA geflohene Hedwig Michel, die 1982 im Alter von 100 Jahren starb.
Wer den Koreshan State Park heute besucht, kann nicht nur picknicken, angeln, den Estero River entlangwandern, Boots- und Kanutouren machen und dabei in die floridianische Natur, speziell Eichen- sowie Flachwälder aus Kiefern, Säge- und Stechpalmen, eintauchen. Neben insgesamt elf restaurierten Gebäuden New Jerusalems, bei deren Besuch man eine Zeitreise ins Florida um das Jahr 1900 unternehmen kann, hat die Koreshan Unity der Nachwelt auch eigene Gärten hinterlassen, die sie mit zahlreichen Pflanzenarten aus aller Welt bestückte, darunter eine australische Queensland-Araukarie, Leberwurstbäume aus Afrika, Eukalyptus- und Mangobäume sowie ein japanischer Bambus, der einst aus den Gärten der Edison and Ford Winter Estates dorthin gebracht wurde.
Zu den im Koreshan State Park heimischen Tieren zählen unter anderem Rotluchse, Graufüchse, Nordamerikanische Fischotter, Mississippi-Alligatoren, Georgia-Gopherschildkröten, Virginiawachteln, Rotschulterbussarde, Schwalbenweihen und Weißkopfseeadler.