02. 07. 2017
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Lifestyle

Krise der Shoppingmalls: Ziemliche Ladenhüter

Das Einkaufsverhalten der Amerikaner hat sich drastisch verändert, Onlineshopping ist »in« und verzeichnet rasante Zuwachsraten. Viele Einzelhändler sehen bei ihren Internetumsätzen denn auch ein wesentlich größeres Steigerungspotenzial als im Ladengeschäft. Mit massiven Folgen für die großen Shoppingmalls.

Autor: Rainer N. Filthaut

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Ist Ihnen beim Shopping im Sunshine State zuletzt auch etwas aufgefallen? Die Leerstandsquote selbst in einst florierenden Malls wie den Bell Tower Shops in Fort Myers ist zuletzt wieder deutlich gestiegen. Läden, die gestern noch viele Käufer anlockten, sehen sich heute zur Schließung gezwungen.

Die Schuhkette Payless schließt noch in diesem Jahr 1000 Filialen, der Elektronikmarkt RadioShack über 550 Geschäfte. Auch traditionelle Kaufhäuser wie Macy’s oder Sears haben Mühe, sich neu zu positionieren, und schließen Filialen. Aéropostale wurde letztes Jahr von einem Konsortium übernommen, zu dem der Shoppingmall-Gigant Simon Property gehört, der Bestand von 800 Läden wird nun auf 260 reduziert. Selbst Luxusgeschäfte wie Neiman Marcus (Insiderspott: »Needless Markup«) werden nicht verschont: Die Firma ächzt unter einer Schuldenlast von 4,5 Milliarden Dollar, kann keinen Käufer finden – ein geplanter Börsengang wurde abgesagt.

Geben Käufer heute weniger Geld aus? Keineswegs, das Bruttosozialprodukt ist in den USA in den letzten acht Jahren stetig gewachsen, die Benzinpreise sind niedrig, die Arbeitslosenquote liegt unter 5 Prozent und die Kaufkraft der unteren und mittleren Einkommensklassen ist in den letzten 18 Monaten real angestiegen. Und noch immer macht der private Konsum 68 Prozent der amerikanischen Wirtschaft aus. Was ist also der Grund für das Ladensterben?

Ganz eindeutig: das Internet. Zwischen 2010 und 2016 hat sich der Umsatz allein von Amazon von 16 Milliarden auf 80 Milliarden Dollar verfünffacht. Unkomplizierte Rückgabe und Umtausch lassen das Online-Einkaufen nicht nur günstig, sondern auch einfach und risikofrei erscheinen. Früher besuchten Käufer mehrere Läden, ehe ein größerer Kauf getätigt wurde. Mit der Folge, dass bei jedem Einkaufsbummel auch noch der eine oder andere kleine Kauf nebenbei anfiel. Heute machen sich die Konsumenten vor dem Kauf via Internet schlau. Die Folge: viel weniger Spontankäufe.

Wenig hilfreich ist zudem, dass in den vergangenen Jahren zu viele Shoppingmalls und andere Einkaufszentren gebaut wurden. Seit 1970 wuchs die Zahl der Shoppingmalls doppelt so schnell wie die US-amerikanische Bevölkerung. Rein statistisch ist die Shoppingmallfläche pro Einwohner in den USA mit 2,2 Quadratmetern zehnmal so groß wie in Deutschland. Nimmt man die übrigen Ladenflächen dazu, stehen jedem Amerikaner 4,32 Quadratmeter Einkaufsfläche
zur Verfügung: Das ist absoluter Weltrekord!

In der letzten großen Rezession sanken die Besuche in den Shoppingcentern indes um 50 Prozent – und diese Entwicklung hat sich auch mit der wirtschaftlichen Erholung nicht umgekehrt. Zudem hat sich das Einkaufsverhalten dramatisch verändert: Teure Marken (Hollister, Abercrombie & Fitch et cetera) sind plötzlich nicht mehr angesagt, die Käufer machen sich zunehmend auf Schnäppchensuche in Discountläden, Outlet-Malls und sogenannten »club stores«, in denen neben kleinen Gewerbetreibenden auch Privatleute Waren in größeren Mengen zu vergünstigten Preisen kaufen können. Fällt in einer Shoppingmall ein großer »Anker-Laden« wie Macy’s weg, sinkt die Besucherzahl – und kleinere Geschäfte haben vertraglich meist das Recht, ihre Mietverträge vorzeitig zu kündigen.

Wenig erfreulich für Konfektionseinzelhändler ist zudem die Tatsache, dass US-Konsumenten ihr Geld inzwischen lieber für Reisen und Restaurantbesuche ausgeben als für Kleidung. Die Reisebranche boomt, die Hotelauslastung ist so hoch wie nie, die nationalen Fluglinien transportieren Rekordzahlen an Passagieren. Seit 2005 sind die Umsätze für Speisen und Getränke doppelt so schnell gewachsen wie die übrigen Konsumausgaben. Die Amerikaner geben inzwischen mehr Geld in Restaurants und Bars aus als in den Lebensmittelläden.

Den Malls bleibt da nur, ihren Erlebnischarakter zu erhöhen (Restaurants, Kinos, Fitnesscenter et cetera), um der begehrten Zielgruppe der jungen Käufer ab 13 wenigstens noch möglichst interessante Motive und Hintergründe für ihre Instagram- und Facebook-Schnappschüsse zu bieten.

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