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Farbenrausch: Sonnenuntergang in Südwestflorida

Ein bisschen kitschig. Aber hoffnungslos romantisch. Und irgendwie kultig. Wer einmal einen Sonnenuntergang in Südwestflorida erlebt hat, kommt nicht mehr davon los.

Autor: Friedrich Schroeder

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Lucy hat es natürlich geahnt. »Wenn wir ein bisschen früher abgefahren wären, müssten wir uns jetzt nicht mit all den anderen um die Parkplätze streiten.« Natürlich übertreibt sie wieder. Sicher, der Verkehr auf dem Gulf Shore Boulevard hinter der Naples Fishing Pier ist lebhaft. Aber ist das ein Grund, gleich die Nerven zu verlieren? Sind doch alles ganz nette Menschen hier. Gleichgesinnte, gewissermaßen. Weil sie alle ein Ziel haben: dabei zu sein, wenn der rote Feuerball in einer guten halben Stunde im Golf von Mexiko versinkt.

Nach einigem Suchen in den Seitenstraßen südlich der 12th Avenue South finden wir doch noch einen Parkplatz, nur ein paar Gehminuten von der Pier entfernt. Wir eilen über die kleine Holzbrücke zum Strand. Die tief am Horizont stehende Sonne taucht schmusende Pärchen, bocciaspielende Familien und einsame Strandläufer bereits in goldenes Licht.

Wir stolpern über den Strand in Richtung Pier. 300 Meter ragt die Konstruktion in den Golf von Mexiko, gebaut aus Holz und Zementpfeilern. In den Tagen, als Naples nur mit dem Schiff erreichbar war, spielte sich an der Pier das Leben ab. Schon ein paar Mal haben Hurrikane sie weggepustet, zuletzt »Donna« im Jahre 1964. Doch wurde sie immer wieder aufgebaut – und immer wieder trotzt sie Wind, Wellen und Wetter. Und auch den Menschenmassen, den Schaulustigen, Spaziergängern und Anglern, die sich tagtäglich einfinden. Und natürlich den Sunset Watchern wie uns, die jeden Abend wieder einen der atemberaubendsten Sonnenuntergänge der Welt erleben wollen.

Es bleibt noch eine Viertelstunde. Zunächst klettern wir die kleine Holztreppe hoch auf die Pier. Es herrscht ein munteres Geschnatter in allen Sprachen dieser Welt: Touristen aus England (»look, how lovely the dolphins are frolicking in the water!«), Familienclans aus Mexiko mit Kind und Kegel, deutsche Snowbirds aus Schwaben und Berlin, jugendliche Angler mit coolem Gehabe – sie mischen sich zu einer abendlichen Melange aus Anspannung und Vorfreude.

Lucy lässt sich von all dem nicht beeindrucken und drängt darauf, so schnell wie möglich an das Ende der Pier zu marschieren, wo sich der hölzerne Plankenpfad zu einer breiten Plattform mit überdachtem Unterstand verbreitert. Also schieben wir uns gemeinsam mit all den anderen Sonnenuntergangs-Süchtigen in Richtung Ende. Es wird Zeit, der rote Feuerball senkt sich schon nahe an die messerscharfe Kante des Horizonts. »Wir haben Glück heute«, sagt eine ältere Dame, »gestern zogen im letzten Moment noch Wolken vor, wir konnten dann nichts mehr sehen.«

Lucy drängt weiter nach vorn. Typisch, immer darauf bedacht, die besten Plätze zu ergattern. Aber was sind schon die besten Plätze? Für mich ist es mindestens ebenso interessant, die Menschen zu beobachten. Die kindliche Begeisterung in ihren Augen zu sehen. Das immer wieder neue Erstaunen vor der Pracht der Natur. Es hat etwas Magisches, wie die Leute hier diesem Moment des Sonnenuntergangs entgegenfiebern. Auch etwas Verbrüderndes. Wahrscheinlich kommt man nirgendwo so schnell in Kontakt mit anderen wie hier. »Wollen Sie auch ein Glas Wein«, fragt mich eine Frau, deren Aufgabe es offenbar ist, eine ganze Gruppe von älteren Sunset Watchern mit Getränken zu versorgen. Nein danke, nach warmem Chardonnay aus einem Plastikbecher ist mir jetzt doch nicht. Trotzdem nett gemeint.

Wo ist Lucy? Huhu – sie winkt mir von der äußersten Ecke der Plattform entgegen, dort, wo die Fischer ihre Angeln unter das Geländer geklemmt haben, damit diese beim Biss eines Hais oder Tarpons nicht gleich in hohem Bogen ins Meer gerissen werden. Irgendwo habe ich gelesen, dass Fische in jenem Moment, da die Sonne untergeht, unter besonderer Spannung stehen. Und dazu neigen, unvorsichtig einen Köder zu verschlucken, in dem ein metallener Haken versteckt ist. Schlecht für den Fisch – gut für den Angler!

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